Das Fuji Syndrom


Kamerakritik

Systemkameras X Serie

Wenn man sich heutzutage in diversen Fotografieforen und auf Kamera-Nerd-Seiten bewegt und mit einem gesunden Interesse an Technik ausgestattet ist, merkt man schnell, dass es deutlich mehr Dispute gibt, ob Fuji X Kameras so gut wie Kleinbildkameras sind anstatt der Frage ob spiegellose Kleinbild-Systemkameras auf dem Niveau digitaler 35mm Kameras sind. Sensorgröße, Lichtaufnahme, Rauschverhalten – mit allen Kalibern wird argumentiert und nerd-instinktiv geschossen.Natürlich kommen Vergleiche nicht von ungefähr aber häufig wird getrennt wo man nicht trennen kann und gleichgestellt wo nichts zu vergleichen ist.
1. Es gibt nicht den Kleinbildsensor und den Cropsensor. Es handelt sich immer um einen Kleinbildsensor. Entweder dem Analog 35mm Kleinbild entsprechend (Zauberwort heute „Vollformat“ oder „Fullframe“) oder aber Kleinbildsensor mit Cropfaktor (Halbformat). An sich basieren die meisten Sensoren auf dem Bayer-Prinzip (Anordnung der Farbfilter) unabhängig von ihrer Größe. Fuji nutzt für die meisten X-Kameras eine Farbanordnung, welche nicht dem Bayersensor entspricht. Ausnahmen bilden Einsteigerkameras und das Highend GF-X Mittelformatsystem. Hier wird ebenfalls auf den Bayersensor gesetzt.
 2. Kameras mit größerem Sensor sind nicht per se besser als Kameras mit kleinerem Sensor. Ein Rennwagen ist schneller als eine Limousine, ein Kleinwagen günstiger als ein SUV – entscheidend ist welches Werkzeug ich für welchen Zweck brauche. Welches Budget ich investieren kann oder möchte. Beispiele:
Bestmögliche Bild und Druckqualität: Mittelformat GF-X oder Hasselblad
Hohe Geschwindigkeit/Serienbildrate: Nikon D5 oder D500 oder Canon 1DX
Zeitraffer HDR Zeitlupen Spielerein: Sony DMX Mark V oder Panasonic G9
Und weil die Mehrheit der Fotobegeisterten weder das Geld noch den Platz für 3 völlig verschiedene Kamerasysteme hat, können wir uns alle der Kreativität diverser Kameraproduzenten erfreuen, die mal gute, mal weniger gute Multifunktionswerkzeuge bauen.
Was macht nun das X-System für mich zu meinem idealen Werkzeug. Ein Sensor in APS-C Größe mit 1,5x Crop Faktor und Fuji eigenem X-Trans Sensor?Nun, wenn man davon ausgeht, das zwischen „High End“ Kameras für höchste Ansprüche und dem Berg von Knipsapparaten also sehr gute (und immer mit Kompromissen versehene) Kameras zur Auswahl stehen, bleibt einem nur sich mit Kompromissen abzufinden und das Werkzeug zu kaufen, welches den eigenen Ansprüchen genügt. Nahezu alle Kameras im mittleren bis hohen Preissegment leisten hervorragende Dienste. Vor 10 Jahren noch waren brauchbare ISO Werte jenseits der 800 oder 1600 die absolute Ausnahme. „Vollformat“-Kameras hatten im Profisegment eigentlich keine Konkurrenz. Heute können Kameras mit 1 Zoll Sensor oder in MFT Größe unter normalen Bedingungen bereits Bildergebnisse liefern, welche professionellen Ansprüchen genügen. Kameras mit Halbformat sind wie im Falle Fuji bereits auf dem technischen Niveau mittlerer moderner Kleinbildkameras und insbesondere spiegellose Systeme können aufgrund des deutlich geringeren Auflagemaßes mit geringer Größe und geringem Gewicht bei sehr guter Abbildungsqualität punkten. Auch wenn mancher Nerd sein schweres und besonders teuer aussehendes Statuswerkzeug gern verteidigt – die Grenzen zwischen den System verschwinden und Bildergebnisse zeigen immer seltener, womit gearbeitet wurde. Sofern die Person weiß, wie man das Werkzeug einsetzt. Die beste Technik ersetzt weder Ambition noch technisches/kreatives Wissen. Ein Könner holt aus einer 500 Euro Knipse mit Kitlinse mehr heraus als ein Mensch der glaubt, sein 2000 Euro Apparat macht es von allein.
Als ich vor 2 Jahren mit der Fuji X-T1 erstmalig fotografieren durfte um das System kennenzulernen, war ich hin und weg. Von der Größe und Haptik, von der Ästhetik des Retrolooks und vor allem von den Objektiven. Für einige Tage standen mir das XF 18mm f2, das XF 35mm f1.4, XF 16mm f1.4 und XF 50-140mm f2.8 zur Verfügung. Letzteres ist zwar schon wieder recht groß und schwer aber in Kombination mit der T1 absolut akzeptabel bzw. im Vergleich mit meinem DSLR Equipment lächerlich.Keine 4 Wochen später wanderte das DSLR Equipment zu Ebay und ein Teil meines neuen Kamera Systems war bezahlt. Die X-T1 mit XF 16-55 f2.8 wurde schnell durch das XF 14mm 2.8 XC 50-230 F4.5-6.7 (Plastik, lichtschwach aber optisch top) XF 10-24 f4, XF 16mm f1.4, XF 27mm f2.8 und mein inzwischen als Immerdrauf XF 23mm f1.4 erweitert. Dazu der Batteriefuß und ich sah die Welt mit einem neuen Auge: Elektronisch mit 0,77facher Vergrößerung und jeder eingestellten Parameter in Echtzeit. Spätestens seit dieser Art elektronischer Sucher belächle ich eiserne Befürworter klassischer Prismensucher. Doch jedem seine Überzeugungen, jedem seine Irrtümer.
Was man der X-T1 vorwerfen konnte, waren rudimentäre Videofunktionen. Ich filme nicht. Die T2 kann 4K, ich filme noch immer nicht. T1 und T2 ohne Videofunktion wären für mich auch über jeden Zweifel erhaben. Mancher bemängelte die Geschwindigkeit des Autofokus an der X-T1. Ja, für Sport und schnelle Bewegungen war sie nicht konzipiert. Verglichen mit meiner A7 war der Autofokus schnell und zuverlässig. In der Natur- und Landschaftsfotografie konnte ich es vernachlässigen. Schnelles Knipsen vom Helikopter aus funktionierte einwandfrei.Oftmals haben Nutzer nicht verstanden, dass (bei früheren Modellen) der AF im spiegellosen System technisch begründete Nachteile hatte und etwas anders arbeitete als der AF an einer DSLR. Mit der X-T2 kam der stark verbesserte X-Trans III mit 91 bis zu 325 Fokusfeldern und optimierter Kontrast und Phasenerkennung – das Teil stellt schneller und exakter scharf als meine Pupillen. Vor einigen Monaten hatte ich bereits die kleinere X-T20 ausführlich rezensiert, die meisten Funktionen sind identisch, die T2 hat insbesondere mit dem Batteriefuß einige Reserven, die für mich nicht entscheidend sind aber Erwähnung finden sollten.
X-T1 vs X-T2
Muß es eine T2 sein. Die Kamera gibt es nun 1 gutes Jahr und mancher Fujianer hatte gerade 12 Monate um die T2 zu hypen ehe diese der X-H1 weichen musste. Gleicher Sensor mit weiteren Software Optimierungen, beweglich gelagert zur Bildstabilisierung in einem Gehäuse mit klassisch elektronischer Anzeige für relevante Kameraeinstellungen. Schade um fehlende Stellräder, schön ist die interne Bildstabilisierung. Aber eine elektronische Anzeige an einer Kamera, die am Monitor und im EVF bereits alle Zutaten anzeigt? Schaut „professionell“ aus. Braucht man wirklich nicht. Ein Gehäuse in Kombination mit dem Batteriefuß fast so groß wie eine Nikon D5? Den Vorteil des kleinen spiegellosen Systems aufgeben weil es „professioneller“ wirkt? Nein Danke. Den Leitfaden der X Familie kann ich nicht mehr sehen und bleibe bei der T1 und T2. Und selbst eine mögliche T3 wird sich schwer tun ihre Vorgänger in relevanten Punkten zu schlagen.Was unterscheidet nun mein beiden Modelle und muss es für Interessenten eine T2 sein?Ich könnte nun in Pixelpeeper Manier unbearbeitete RAW Dateien in 100% Ansicht vorführen und nach Unterschieden bei gleicher Optik und gleichen Einstellungen suchen. Natürlich, die Kantenschärfe fällt am 24MP Sensor höher aus. Sichtbar im fertigen jpeg? Hochtrainierte Augen mögen etwas sehen. Bis Din A3 sehe ich es nicht.Der Dynamikumfang scheint mir bei 16 MP etwas höher auszufallen als beim neuen Sensor. In der allgemeinen Praxis ist dies zu vernachlässigen. Beide Kameras bieten ausreichend Reserven und können Dank Dynamic Range Push um 1 oder 2 Blenden ehr Kontrastumfang erzielen. Nebenbei – in den Lichtern, ergo ausgefressene Passagen verhindern. Meine A7 konnte mit ISO100 und einem Hauch weniger Rauschen mit dem Dynamikumfang der X-T1 bei ISO400 mit DR200 nicht mithalten. Aber das ist unwesentliches Beiwerk.
Bildrauschen:
Hier scheiden sich die Geister. Wenn ich lese, dass Kamera xy bei ISO3200 oder mehr gut oder schlecht ist, frage ich mich oft welche Klientel hauptsächlich im Bereich ISO3200 oder höher fotografiert. Jeder Sensor rauscht im Grunde, daher nennt man es Grundrauschen. Darüber hinaus sind Kontrast- und Farbrauschen die dritt- und vierthäufigsten Arten des Rauschens. Doch am häufistens tritt ein Bildrauschen auf, das nicht dem Sensor oder der Technik insgesamt geschuldet ist. Das User-Rauschen (ich erhebe keine Urheberrechte an dem Wort) – falsche Einstellungen, falsches Nachschärfen, Pseudo HDRs wo sogar ein blauer Himmel noch Texturen bekommt, das ist die schlimmste Form des Rauschens, für die keine Kamera etwas kann.Ich bewege mich klassisch an der Regel – soviel Restlichtverstärkung wie nötig, niemals wie möglich. Ergo ISO200 ist Standard, in der Natur und Landschaftsfotografie. Da auch Fuji Kameras ISOlos arbeiten, empfehle ich einerseits die Finger von der ISO100 (nur jpeg) zu lassen und im anderen extrem lieber 1 oder 2 Blenden unterzubelichten um nachträglich im RAW Konverter die Tiefen aufzuhellen. Ähnlich wie bei den Sonysensoren verzeiht die RAW Datei zu dunkle Schatten (wohlgemerkt nicht abgesoffen) und man kann extrem rauscharm aufhellen, andererseits sind gefährdete Spitzen in den Lichtern nicht ausgebrannt. Verluste in den Spitzlichtern („ausgebrannte“ Bereiche) rettet keine Software mehr. Hohe ISO also nur wenn nötig. Das Prinzip hat sich zur Analogzeit nicht geändert. Für mich stellen sich die ISO Ergebnisse bei beiden Kameras ähnlich dar, was also heißt in der T2 wurde gut gewerkelt denn 24MP erzeugen auf der gleichen Sensorfläche an sich mehr Rauschen. Ich beziehe mich ausschließlich auf RAW Dateien. Tatsächlich sind kameraintern verrechnete jpegs bis ISO6400 gut nutzbar. Wer gern mit AUTO ISOarbeitet, kann ohne Angst ISO 200 bis ISO 1600 einstellen. Jenseits der 1600 können je nach Motiv und Szene kleinere Probleme auftreten, welche gute Entrrausch-Software ohne große Detailverluste ausbügeln kann. ISO 1600 klingt wenig doch in Kombination von unzähligen lichtstarken 1.2, 1.4 bis 2.8 Objektiven kann man bereits sehr gute Belichtunszeiten zaubern. Das 23mm 1.4 nutze ich bei Polarlichtern auf Island mit Offenblende oder max. f2 bei ISO400 bis ISO1600 (je nach Licht am Himmel) um Belichtungszeiten von 3 bis maximal 8 Sekunden zu ermöglichen. Auch vor ISO3200 würde ich nicht zurückschrecken.Insgesamt bieten beide Modelle ein hervorragendes Rauschverhalten, natürlich nicht vergleichbar mit eine A7sII, deren Kleinbildsensor mit 12MP ganz andere Reserven besitzt. Doch vor einer A7, 5DMIII oder D810 (ok 36MP) müssen sich beide Kameras nicht verstecken. Obendrein hat das Fujirauschen ein sehr feines Korn, was oftmals eher angenehm als störend wirkt.
Bildschärfe und Farben:
Ich kann mich den meisten positiven Kritiken im Netz nur anschließen. Ich nutze selten aus der Kamera errechnete jpegs. Aber ja, sie sind in aller Regel, insbesondere mit den Filmsimulationen, außergewöhlich gut. Ästhetik gehört zu einem guten Foto so sehr wie technische Kontrolle. Die RAW Dateien lassen sehr viel Luft nach oben, was einem in der kreativen Nachbearbeitung oftmals erstaunen lässt. Für Jpeger gilt – niemals die Bildschärfe in den jpeg Settings anheben. Fuji Optiken und Signalverarbeitung sind exellent, hier braucht es keinerlei Push, im Gegenteil es wird Bildern eher schaden.Am Schluss angekommen heißt das – Das System was Fuji bei mir ablösen könnte, existiert noch nicht. Mit wenigen Abstrichen (Akkuleistung z.B.) bieten mir die T2 und ihr Vorgänger ein handliches und ästhetisch hervorragendes Konzept für alle Sparten meiner Fotografie. Die T2 ist ein echter Fortschritt zur T1 (fehlender 2ter Kartenslot) geworden, dennoch nutze ich beide Modelle bis heute. Fuji Objektive sind erstklassig – teuer? Teuer ist relativ, bevor man teuer sagen kann sind sie in erster Linie hervorragende Werkzeuge die höchsten Ansprüchen genügen. Nein es gibt bis heute keine. AF Sigmas und AF Tamrons als Alternative zu den Fujinons, aber wer braucht sie angesichts des Spektrums. Obendrein kann man die Kameras wunderbar mit alten analogen Optiken nutzen. Während Sony mit stetigen Neugeräten versucht sich im Massenverkauf zu etablieren und jede A7 oder A9 ja 1000fach besser als ihr Vorgänger sein will, bleibt Fuji für mich der Kamerabauer mit dem weitaus sympathischeren Flair, der deutlich besseren Haptik und einem stetigen Retrogefühl. Mit Ausnahme der X-H1 bleibt es ein „Weiter so!“

In Summe hat die X-T2 einige wesentliche Fortschritte zu bieten, für inzwischen deutlich weniger Geld hat aber auch die X-T1 nachwievor ihre Daseinsberechtigung und bietet einen sehr günstigen Einstieg in die höchste Klasse der X Kameras.

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