Out of Cam ist besser und echter …

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So oder so ähnlich lautet wohl eine inzwischen standardisierte Floskel, wenn Fotos augenscheinlich durch softwarebasierte Bildbearbeitungswerkzeuge  gewandert sind. „Übertrieben“, „too much“, „fake“ und vor allem das wunderliche Wort „unnatürlich“ findet man nicht nur am häufigsten, sondern ist These, Argumentation und Urteil zugleich. Natürlich, es gibt technisch schlecht bearbeitete Bilder. Es gibt aber auch Momente im Leben eines Fotografen, in denen ein Bild unglaublich ausschaut aber es nicht via Software unglaublich gezaubert wurde. Es gibt auch Bilder, denen man selbst intensive Nachbearbeitung nicht anschaut und es gibt Bilder, denen gar kein Foto zugrunde liegt.
Es existiert nur eine Sache, die es wirklich nicht gibt: unbearbeitete Bilder. Man kann nur zwischen 2 Arten der Bildbearbeitung unterscheiden – jene die ich der Kamera überlasse oder jene, die ich am Computer vornehme. Nebenbei, vor der Bildbearbeitung (Filter, Effekte) steht die Bildentwicklung. Aber auch da gilt, die Kamera entwickelt oder der Fotograf entwickelt. Kein Out of Cam ist unbearbeitet oder echter. Natürlich, was ist „echt“ in der abbildenden Kunst? Reportagebilder die unwesentliches ausblenden, Landschaftsbilder die Größendimensionen von Objekten perspektivisch verändern, Portraitbilder in schwarz weiß oder Makros, die Ameisen in 70cm Größe zeigen?
Sich gegen Bildbearbeitung auszusprechen, hat verschiedene Gründe, die alle legitim sind. Man entwickelt oder bearbeitet seine Bilder nicht weil man keine Zeit dafür hat, weil man keine Kenntnisse von Bildbearbeitung hat, weil man kein Auge dafür hat oder weil man keine Software hat. Der Grund, Bildbearbeitung am PC mache Bilder unecht oder unnatürlich, ist faktisch falsch und zeugt bestenfalls von Unwissen oder schlimmstenfalls von Neid.
Wohlgemerkt, es geht nicht um subjektives Gefallen oder Missfallen. Für mich ist bei weitem nicht ein technisch perfektes Bild/Foto ein gutes Bild/Foto. Leider gibt es heute zu viele Leute, für die das technisch mögliche wichtiger ist als mit einem Bild etwas zu transportieren („etwas“ bitte nach Belieben füllen). Für manche ist ohne Luminanzebenen und Farbkanäle kein Bildoptimieren möglich. Andere verstehen darunter das Zuschneiden der Bildränder und wieder Andere können aus Einzelaufnahmen mikrokonstrast-ertränkte HDRs zaubern und finden das schön. Die Mehrheit überlässt der Kamera mehr oder minder bewusst und oder zufällig die Ergebnisse. Viele Vorgehensweisen, viele Wege. Alles ist legitim, alles dem persönlichen Geschmack und Horizont geschuldet. Dennoch ist ein Out of Cam nicht natürlich(er). Auch vor 100 Jahren hat man bereits retuschiert, manipuliert und gern auch fantasiert.
Nebenbei führt an Rohdaten (früher Negativ) überhaupt kein Weg vorbei. Digitalkameras arbeiten immer nach dem gleichen System – Licht fällt auf den Sensor und aus Rohdaten (eine Art digitales „Negativ“) wird mehr oder minder instant ein jepg erzeugt. Dabei verrechnet die Kamera die Daten auf dem Sensor mit den Benutzervorgaben – ergo eine Bildentwicklung vorm Auslösen. Wer also an Sättigung-, Schärfe- und Effekt-Knöpfen herumgepuhlt hat, hat bereits das Bild manipuliert obwohl es noch nicht einmal im Kasten ist. Obendrein verliert ein jpeg einen Großteil der Bildinformationen Dank der Kompression – ein RAW ist natürlich eine vielfache Datenmenge, dafür bleiben allerdings schonungslos alle Informationen enthalten, welche in der Postproduktion am PC von großem Wert sind.
Das heißt natürlich nicht, dass Kamera jpegs per se schlecht sind – abgesehen vom persönlichen Geschmack – können sie so gut oder schlecht wie am Computer entwickelte Bilder sein. Das obliegt in erster Linie dem fotografischen Können und den Anforderungen an ein Bild. Eben so richtig ist, dass eine kamerainterne Entwicklung niemals die Möglichkeiten ausschöpft, welche einem mit dem RAW Format und entsprechender Software zur Verfügung stehen.
Die Möglichkeiten von Photoshop sind so riesig, dass angeblich nicht einmal die Entwickler alle Funktionen kennen. Um Photoshop auch nur zu 25% sinnvoll zu nutzen, braucht man mindestens 1 oder 2 Jahre – also alles was über „Auto Kontrast“ „Autofarbe“ usw hinaus geht. Ich empfehle den Einstieg über Lightroom (oder ähnliche Programme) und eine Auseinandersetzung mit Camera RAW und natürlich dem RAW Format im generellen. Hat man das Potential des RAW Formats erst einmal erkannt, eröffnen sich völlig neue Dimensionen in der kreativen Bildentwicklung und man denkt nie wieder über den Satz nach, Kamera jpegs wären echter oder besser.
PS: Und nein, Photoshop ersetzt das kleine 1 x 1 der praktischen Fotografie nicht.

5 Replies to “Out of Cam ist besser und echter …”

  1. Ein nie endendes Thema in der Fotografie – so alt wie die Fotografie selbst.
    Die negativen Fotografen gegen die positiven Fotografen! Und jeder hat natürlich Recht und nur seine Vorgehensweise ist die Richtige!
    Der Negativ-Fotograf hat selber im Labor gebastelt, oder hat es dem Grosslabor überlassen. Heute bastelt er/sie am PC.
    Der Positiv-(Dia)-Fotograf hat sich mehr mit seiner Kamera auseinander gesetzt und bereits vor der Aufnahme entsprechende Einstellungen vorgenommen. Somit brauchte nicht nachgearbeitet werden, bzw. sollte eigentlich nicht.
    Bei denen die nach RAW schreien und nur dieses als rechtmässige Fotografie ansehen sind allerdings der Grossteil nicht in der Lage eine ordentliche Bildbearbeitung vorzunehmen. Da wird zwar im RAW-Format aufgenommen, aber im Anschluss wird das standarisierte konvertierte Bild benutzt. Bestenfalls wird noch eine wenig an den Reglern für Hell, Dunkel und Schärfe gespielt – was meistens in die Hose geht.
    Ebenso sind die meisten JPEG-Fotografen nicht in der Lage ihre Kamera richtig einzustellen, um ein ordentliches Positiv-Bild zu bekommen. Dann wird auch hier die Bildbearbeitung bemüht. Diese geht meistens genauso in die Hose, zumal die Dateninformationen gegenüber einer RAW-Datei stark eingeschränkt ist.
    Aber es gibt eben auch die, die sich auskennen und aus beiden Formaten ein optimales Ergebnis heraus bekommen. Es ist sowieso egal ob in RAW oder JPEG aufgenommen wird – das Bild entsteht hinter der Kamera! Und wenn da bereits ein Fehler steht, kann keines der Formate noch etwas retten.
    Gruss Jürgen

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  2. Ja, da ist was dran … Bin selber absolut kein Profi, aber als Mediengestalterin in Photoshop mehr als mir lieb ist unterwegs und genieße sehr das Fotografieren ohne den ganzen Klimbim. Die Welt so auf einem Foto aussehen zu lassen wie sie ist, ist ein hoher Anspruch…

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    1. Die Welt so aussehen zu lassen wie sie ist, findet nie statt. Schon wenn Du den Fokus ausrichtest, reduzierst, verlängerst, verkürzt usw. Du die Szene. Ein Makro Objektiv bildet schließlich auch anders ab als Augen sehen. Daher ist der Klimbim durchaus legitim aber jedem natürlich seine Auffassung.

      PS. Tolle
      Fotos auf Deiner Seite 🙂

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      1. Jaaa, ich wusste, dass du das jetzt schreibst 🙂 … stand ja auch so in deinem Text. Ich weiß, was du meinst. Ich bin auch mit einer geschmackvollen oder künstlerischen Bildbearbeitung vollkommen einverstanden oder damit das eigene Bild etwas zu pimpen, so dass das Motiv besser rauskommt, aber ich bin angenervt von den 1000 Handy-Filtern und übertriebenen Bildbearbeitungen, die ein Bild oft echt nicht schöner machen. Für mich ist ein Bild am schönsten und echtesten, wenn es dem „tatsächlichen“ Motiv am nahesten kommt, wenn es etwas „Augenblick“ einfangen kann, am besten etwas Magisches, ein Gefühl, eine Stimmung. Aber das ist natürlich nur für mich so. 🙂 Dass es niemals GENAU so ist wie in echt, ist mir klar. Aber die Stimmung fängt man vielleicht manchmal ein. Und ein Makro-Bild ist nicht so, wie das Auge es sieht, aber es ist so, wie die Natur es gebaut hat. Bilder, bei denen ich innerlich „Hach“ seufze, die transportieren etwas, was generell schwer einzufangen ist. Und das „Hach“ entsteht nicht durch eine Nachbearbeitung … ist schwer zu erklären, aber ich glaube, du weißt, was ich meine … Vielen Dank und beste Grüße!

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