Out of Cam ist besser und echter …

DSCF6331-Bearbeitet.jpg

So oder so ähnlich lautet wohl eine inzwischen standardisierte Floskel, wenn Fotos augenscheinlich durch softwarebasierte Bildbearbeitungswerkzeuge  gewandert sind. „Übertrieben“, „too much“, „fake“ und vor allem das wunderliche Wort „unnatürlich“ findet man nicht nur am häufigsten, sondern ist These, Argumentation und Urteil zugleich. Natürlich, es gibt technisch schlecht bearbeitete Bilder. Es gibt aber auch Momente im Leben eines Fotografen, in denen ein Bild unglaublich ausschaut aber es nicht via Software unglaublich gezaubert wurde. Es gibt auch Bilder, denen man selbst intensive Nachbearbeitung nicht anschaut und es gibt Bilder, denen gar kein Foto zugrunde liegt.
Es existiert nur eine Sache, die es wirklich nicht gibt: unbearbeitete Bilder. Man kann nur zwischen 2 Arten der Bildbearbeitung unterscheiden – jene die ich der Kamera überlasse oder jene, die ich am Computer vornehme. Nebenbei, vor der Bildbearbeitung (Filter, Effekte) steht die Bildentwicklung. Aber auch da gilt, die Kamera entwickelt oder der Fotograf entwickelt. Kein Out of Cam ist unbearbeitet oder echter. Natürlich, was ist „echt“ in der abbildenden Kunst? Reportagebilder die unwesentliches ausblenden, Landschaftsbilder die Größendimensionen von Objekten perspektivisch verändern, Portraitbilder in schwarz weiß oder Makros, die Ameisen in 70cm Größe zeigen?
Sich gegen Bildbearbeitung auszusprechen, hat verschiedene Gründe, die alle legitim sind. Man entwickelt oder bearbeitet seine Bilder nicht weil man keine Zeit dafür hat, weil man keine Kenntnisse von Bildbearbeitung hat, weil man kein Auge dafür hat oder weil man keine Software hat. Der Grund, Bildbearbeitung am PC mache Bilder unecht oder unnatürlich, ist faktisch falsch und zeugt bestenfalls von Unwissen oder schlimmstenfalls von Neid.
Wohlgemerkt, es geht nicht um subjektives Gefallen oder Missfallen. Für mich ist bei weitem nicht ein technisch perfektes Bild/Foto ein gutes Bild/Foto. Leider gibt es heute zu viele Leute, für die das technisch mögliche wichtiger ist als mit einem Bild etwas zu transportieren („etwas“ bitte nach Belieben füllen). Für manche ist ohne Luminanzebenen und Farbkanäle kein Bildoptimieren möglich. Andere verstehen darunter das Zuschneiden der Bildränder und wieder Andere können aus Einzelaufnahmen mikrokonstrast-ertränkte HDRs zaubern und finden das schön. Die Mehrheit überlässt der Kamera mehr oder minder bewusst und oder zufällig die Ergebnisse. Viele Vorgehensweisen, viele Wege. Alles ist legitim, alles dem persönlichen Geschmack und Horizont geschuldet. Dennoch ist ein Out of Cam nicht natürlich(er). Auch vor 100 Jahren hat man bereits retuschiert, manipuliert und gern auch fantasiert.
Nebenbei führt an Rohdaten (früher Negativ) überhaupt kein Weg vorbei. Digitalkameras arbeiten immer nach dem gleichen System – Licht fällt auf den Sensor und aus Rohdaten (eine Art digitales „Negativ“) wird mehr oder minder instant ein jepg erzeugt. Dabei verrechnet die Kamera die Daten auf dem Sensor mit den Benutzervorgaben – ergo eine Bildentwicklung vorm Auslösen. Wer also an Sättigung-, Schärfe- und Effekt-Knöpfen herumgepuhlt hat, hat bereits das Bild manipuliert obwohl es noch nicht einmal im Kasten ist. Obendrein verliert ein jpeg einen Großteil der Bildinformationen Dank der Kompression – ein RAW ist natürlich eine vielfache Datenmenge, dafür bleiben allerdings schonungslos alle Informationen enthalten, welche in der Postproduktion am PC von großem Wert sind.

Das heißt natürlich nicht, dass Kamera jpegs per se schlecht sind – abgesehen vom persönlichen Geschmack – können sie so gut oder schlecht wie am Computer entwickelte Bilder sein. Das obliegt in erster Linie dem fotografischen Können und den Anforderungen an ein Bild. Eben so richtig ist, dass eine kamerainterne Entwicklung niemals die Möglichkeiten ausschöpft, welche einem mit dem RAW Format und entsprechender Software zur Verfügung stehen.
Die Möglichkeiten von Photoshop sind so riesig, dass angeblich nicht einmal die Entwickler alle Funktionen kennen. Um Photoshop auch nur zu 25% sinnvoll zu nutzen, braucht man mindestens 1 oder 2 Jahre – also alles was über „Auto Kontrast“ „Autofarbe“ usw hinaus geht. Ich empfehle den Einstieg über Lightroom (oder ähnliche Programme) und eine Auseinandersetzung mit Camera RAW und natürlich dem RAW Format im generellen. Hat man das Potential des RAW Formats erst einmal erkannt, eröffnen sich völlig neue Dimensionen in der kreativen Bildentwicklung und man denkt nie wieder über den Satz nach, Kamera jpegs wären echter oder besser.

PS: Und nein, Photoshop ersetzt das kleine 1 x 1 der praktischen Fotografie nicht.

Ein Gedanke zu “Out of Cam ist besser und echter …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s