Island aus der Luft (31)

18 Reisen habe ich in den letzten 9 Jahren nach Island unternommen. Das ist sicherlich etwas über dem Durchschnitt der Reisefreudigkeit aber keinesfalls eine absolute Passion, welche mancherorts zelebriert wird. 18 Reisen, von 8 Tagen bis 21 Tagen Dauer, zu Beginn einmal pro Jahr, zu den intensivsten Zeiten vier mal in 12 Monaten. Auch wenn ich im Lauf der Jahre viele interessante Menschen und einige Freundschaften gefunden habe, war die Natur immer der wichtigste Grund wieder und wieder zu kommen. Dass sich der Status der Insel vom abgelegenen Ort für Outdoor – Enthusiasten zu einem vergleichsweise Jedermanntouristenland gewandelt hat, ist nicht erst seit 3 Jahren der Fall. Bereits in den 1990er Jahren wurde erstmalig eine jährliche Besucherzahl erreicht, die höher war als die Anzahl der Bewohner. Natürlich ist nach 2008 und dem Beinahebankrott Islands die Besucherzahl exorbitant gestiegen. Heute redet man von mehr als 2 Millionen Besuchern im Jahr, eine Zahl, die mehr als nur Unbehagen auslöst. Jeder, der Island kennt, weiß, dass die Infrastruktur der Insel diese Kapazitäten nicht fassen kann. Und schaffte man neue Infrastrukturen, hatte dies immer Konsequenzen für die filigrane Natur der Insel: Mit jeder weiteren Reise wurden die Veränderungen sichtbarer – Hotel and Hotel, selbst abseits der Hotspots. Reykjavík, die Hauptstadt der 320000 Einwohner zählenden Insel, gilt als Geheimtipp für Party und Szenegänger und ist berüchtigt für den Bau mancher Hotelanlagen, die an eher an Absteigen dt. Partymeilen auf Mallorca erinnern. Island kämpft nicht nur mit dem Problem der Infrastruktur, sondern auch mit Verhaltensweise mancher Besucher, die weder Warnschilder lesen können noch meinen, Briefkästen von Farmen sind öffentliche Toiletten. Die Zahl an Unfällen mit tödlichem Ausgang wird nur noch durch die grenzenlose Dummheit mancher Ignoranten übertroffen. Doch ich möchte gar nicht in dieses Thema einsteigen sondern mich viel eher auf „mein Island“ und meiner Erfahrungen konzentrieren.
Wenn Menschen fragen, wie man zu einer Insel solche eine Beziehung aufbauen kann und ob man nach vielen Reisen nicht schon alles gesehen hat, dem weiß ich meist nicht zu antworten. Einerseits ist wie überall die Landschaft von den Jahreszeiten und Witterungsumständen geprägt und weiß immer wieder in den Bann zu ziehen, andererseits ist jede Reise auch eine Art spirituelle Erfahrung, ein Eintauchen in die Entstehungsgeschichte der Welt. Ich nutzte für viele meiner Bilder den Titel „The living Earth“, weil es viele Phänomene und Aktivitäten sehr gut beschreibt. Auf Island nimmt man noch in Echtzeit an der Entstehung der Welt teil – Vulkanismus, Gletscherbewegungen, wilde Flüsse, unberechenbare Natur, tobende Gewalt und fragiles Leben, Leben und Tod im großen Ausmaß und in stetiger Ambivalenz, das Eine ist durch das andere nicht möglich.
Natürlich gibt es auf Island unzählige, inzwischen schon berühmt berüchtigte Hotspots – Kirkjufell, Vestrahorn, Seljalandsfoss, Skógafoss, den Þingvellir Nationalpark mit Strokkur und Geysir, Gullfoss und Þingvallavatn (alias „Golden Circle“), den Mückensee Mývatn, 60 Kilometer entfernt von Akureyri, der „Hauptstadt des Nordens“ und natürlich Polarlichter und Papageitaucher. Die echten Nerds halten eher wenig von der Ringstraße und fachsimpeln gern über Strategien, die schwierigsten F- Pisten (nur für Jeeps befahrbare Straßen im Hochland) zu meistern.
Für mich persönlich ist Island nur als Gesamtheit von Interesse, weil wirklich jeder Flecken – auch jene ohne dramatische Szenerien – seinen eigenen Zauber und Reiz hat. Für mich gibt es nichtsdestotrotz Island und es gibt die Westfjorde – für mich heute der authentische Teile der Insel. Vermutlich ist es auch der von mir am wenigsten erforschte Flecken, obwohl ich oft dort unterwegs war. Selbst in der seit einigen Jahren anhaltenden touristischen Hochkonjunktur ist der überwiegende Teil der Westfjorde wenig besucht oder die meisten Leute reduzieren sich auf  die bekannten Spots wie den Fjallfoss (alias Dynjandi), Látrabjarg (der westlichste Zipfel Islands mit seinen bis zu 400 Meter hohen Cliffs und damit verbundenen hohen Aufkommen an Seevögeln) und Ísafjörður, die größte Stadt der Westfjorde mit etwa 2500 Einwohnern. Von der Fläche gesehen, sind die Westfjorde klein, sie umfassend zu bereisen, bedeutet aber viele Streckenkilometer. Zwar wurden durch Brücken und Tunnel einige Passagen abgekürzt, doch man fährt und fährt und fährt.
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Ich habe es in 9 Jahren nicht geschafft, die Sprengisandur Piste zu fahren. Im September 2012 scheiterte man aufgrund eines extrem frühen Wintereinbruchs, der von Landmannalaugar aus zur Umkehr in den Süden zwang. Da meine liebsten Reisezeiten im Winter, im Frühjahr und Herbst sind, gibt es auch wenige, genauer nahezu keine Chancen, das Hochland zu bereisen. Landmannalaugar, die Laki Krater, die F-Pisten vom Geysir Richtung Langjökull Gletscher in Verlängerung zur Kaldidalurpiste habe ich allerdings alle gefahren mit zu weilen abenteuerlichen Zwischenfällen. Die Þórsmörk (zwischen den Gletschern Tindfjallajökull und Eyjafjallajökull) musste ebenfalls im September 2012 wegen eines Reifenschadens abgebrochen werden. In den Folgejahren waren Helkikopterflüge in die  Þórsmörk weitaus attraktiver bzw. mit einem hochlandtauglichen Bus in die Þórsmörk Volcano Huts regelrecht komfortabel.
 Im Mai 2017 überraschte mich in der Þórsmörk ein ordentliches Unwetter, 30 Kilometer südlich musste die Ringstraße gesperrt werden wegen eines Orkans, der mit bis zu 180 km/h entlang der Südküste vom Seljalandsfoss bis Vík í Mýrdal wütete und Isländer wie Besucher in sichere Gebäude zwang. Das Tal ist allerdings recht gut geschützt, der Wind hielt sich in Grenzen (abgesehen von den Gipfeln), ich durfte einen ordentlichen Mix aus Schneefall und Starkregen erleben.
Irgendwie waren nahezu alle Aufenthalte im isländischen Hochland von merkwürdigen Umständen geprägt – ich nenne so etwas dann ja immer Katharsis, wenn außergewöhnliche Umstände eintraten. 2012 im September mit einem Toyota Hilux 4×4 Camper ohne funktionierende Heizung in der Kabine – eisige Nächte weit unter Null grad – mitten in der Nacht verließen die letzten Besucher ihre Zelte und flüchteten in ihre Fahrzeuge, unsereins fror sich zu Tode. Die heiße Dusche am folgenden Morgen fiel wegen eines Wasserschadens aus. Kaputter Reifen in der Þórsmörk, Festfahren auf der F337 in einem 5 Meter langen Schneefeld auf der Piste mit 4 Stunden Wartezeit auf Hilfe. Was in mancher Situation durchaus nervenaufreibend sein konnte, war rückblickend doch immer auch ein Lachen wert und man ging klüger aus dem Geschehen hervor.
Generell ist das Hochland natürlich ein Must See und gehört zu Island wie strammer Wind und ständig wechselndes Wetter. Zweifelsohne gehört zum Offroadfahren mehr als ein Allradfahrzeug. Auch wenn einige Pisten inzwischen SUV tauglich sind und andere F-Straßen theoretisch sogar von PKWs absolviert werden könnten (vor allem wenn man ken Mitleid mit dem Fahrzeug hat) – Offroad ist Offroad. Gewässer durchqueren erfordert Kenntnisse, der Umgang mit Lavagestein und riesigen Schlaglöchern ebenso und wer mal Wellblechpiste gefahren ist, kommt um einige Fahrübungen gar nicht herum. Auch meiner Erfahrung war, dass die Theorie und die Praxis oftmals nicht 1 zu 1 funktionieren. Der 4×4 Hilux selbst zum Beispiel ist ein vor Kraft strotzendes Fahrzeug, allerdings stellt eine hohe Kabine auf einem solchen Fahrzeug oft eine große Herausforderung, manche Stelle war weit schweiriger zu überwinden weil Gewicht und Schwerpunkt manche Passage zum Abenteuer machten.
Die beste Jahreszeit ist und bleibt der kurze Herbst und vor allem der arktische, also isländische Winter. Nicht so kalt wie man glaubt, oftmals tückisch wenn starker Wind zu Schneewehen führt und landschaftlich einzigartig. Allein über die Winteraufenthalte könnte ich inzwischen Romane verfassen, sowohl was die Abenteuer anbelangt als auch die Natur in Weiß – insofern man nicht gerade mit einer Cessna über aktive Vulkane fliegt und plötzliche das endlose Schneeweiß durch rot glühende Lava und verbrannte Erde abgelöst wird. Doch dazu später mehr.
Demnächst mehr, dann eventuell ausgesuchte Orte oder Landstriche, um den interessierten Leser mit mehr Details vertraut machen zu können.

 

3 Replies to “Island – Teil 1”

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