Spiegellos & Analog

Bokeh_Munsters (2)

Jeder, der mit spiegellosen Systemkameras arbeitet, stolpert früher oder später über 2 Dinge – zum Einen ist via Adapter so ziemlich jedes Fremdobjektiv anschließbar, andererseits lernt man mit Hilfe der Fokuspeaking Funktion die Schönheit des entschleunigten Fotografierens, kombiniert mit jeder Menge praktischer Erfahrung, welche Tutorials und Bücher nur schwer vermitteln können.
Es macht in aller Regel keinen Sinn, moderne Objektive mit AF an Systemkameras zu adaptieren – keinerlei elektronische Übertragung von Daten, das Problem der nicht verstellbaren Blende und obendrein kauft sich niemand ein Objektiv für 500 oder 1000 Euro, um es eingeschränkt nutzen zu können. Wer an der Sony A7 der ersten Generation mit elektronischen Adaptern gearbeitet hat, fotografierte auch entschleunigt (und genervt)  – zwar gab es die Möglichkeit bei ausgewählten Objektiven nun die Blende vorzugeben, der Autofokus aber pumpte und pumpte und verfehlte doch das Ziel. Die Zeiten haben sich zumindest im Hause Sony geändert, Sigma hat einen brauchbaren elektronischen Adapter für eigene Objektive und viele Canon EF Linsen auf den Markt gebracht, welcher zumindest die A7 II und A7 R II gut bediente – aber ich empfand die A7 haptisch schon immer katastrophal und irgendwie machte es nie Sinn, an einer Sony ein Canon Objektiv zu nutzen – idealerweise sind Hersteller XY Objektive auf Hersteller XY Kameras ausgelegt, alles andere ist immer Kompromis.
Bei Fuji adaptierte ich zu Beginn ein analoges FD 17mm f/4 Objektiv, welches via Focal Reducer zu einem „echten“ 18mm f/2.8 Objektiv wurde (gerechnet auf Kleinbild) – chromatische Aberationen, Vignettierung, unscharfe Ränder, für mich in der Landschaftsfotografie unbrauchbar. Das Canon FD 55mm f/1.4 glänzte durch Unschärfe bei Offenblende – viel zu weich und mit recht geringem Freistellungspotential – erst abgeblendet auf f/4 oder besser f/5.6 brachte dann Details ins Spiel – bei Verlust des erhofften Freistellungspotentials. Dafür ölte die Blende und ich wurde das Teil nicht mehr los.
Vor noch nicht zu langer Zeit stieß ich bei zeitintensiver Suche nach Analog Objektiven mit Charakter – und genaz bewusst keine Canon oder Nikon Objektive – nein ich beschäftigte mich mit so ziemlichen jedem Hersteller jenseits der beiden großen Firmen: Porst, Zeiss, Meyer Görlitz, Enna München, Asahi usw. – viele ehemalige Hersteller gibt es schon geraume Zeit nicht mehr, Minolta ging zu Sony über und einzig Meyer Görlitz ist wieder aktiv und baut moderne Analogobjektive – ergo Neuauflagen klassischer Objektive zu Preisen jenseits von Gut und Böse. Ich legte mich auf den M42 Anschluss fest – ein sehr einfaches Schraubbefestigungssystem aus der Analogzeit – den Adapter an das X System bekommt man für 10 – 20 Euro. Wie bei allen Adaptern muss darauf geachtet werden, dass die Unendlichstellung funktioniert. Bokeh_Munsters (3)
Da ich nun alles andere als ein Makro Fotograf bin und auch kein Blümchenknisper, setzte ich mir eine relativ kleine Preisspanne, in der sich das Objektiv bewegen sollte – zum spielen und experiementieren eben. Ein 30 oder 40 oder mehr Jahre altes Meyer Görlitz Trioplan kostet allerdings noch immer 200 Euro oder deutlich mehr – abhängig vom Zustand und der Art des Objektivs. Gleichzeitig sollte sich die Brennweite zwischen 35mm bis maximal 90mm bewegen. Und während auch wochenlange Geduld kein Schnäppchen verhieß, fiel mir auf, dass ich wieder und wieder über den Begriff Helios stieß. Ein russisches Objektiv, dass seit den 1950ern in Massen gebaut wurde – am häufigsten findet man das Helios 58mm 44-2. Dabei handelt es sich nicht etwa um russische Feinoptik sondern lediglich um eine Art Raubkopie des legendären ZEISS BIOTAR 58mm f/2 – der Russe brachte nicht nur den Frieden 1945 sondern nahm auch einige Baupläne aus dem Hause Zeiss mit.
So gab es im Lauf der kommenden Jahre auch eine fotografische Entwicklung in Russland, die teilweise deckungsgleich mit Carl Zeiss Jena zusammenlief – Ostblock Optik. Und natürlich wären die sogenannten „Russentonnen“ und „Helios“ Objektive sang- und klanglos untergegangen, wenn es nicht auch in der Fotografie Retro- Bewegungen gäbe. Man darf nicht vergessen, dass auch heutzutage noch überzeugte Analogfotografen existieren, die entweder das Bild aus Pixeln nicht mögen oder aber mit der analogen Fotografie eine besondere – nicht reproduzierbare Ästhetik verbinden. Die sog. Lomografie hat ein riesiges Revival erlebt – Schnappschuss Fotografie mit wirklich einfachsten Kameras, mit einfachsten Objektiven und Filtern für Ergebnisse, die mit allen gängigen Koventionen bzgl. „guter Bilder“ brechen – LOMOGRAPHY.de
DIeser Markt ist offenbar groß genug, um für einfachste Kameratechnik vergleichsweise exorbitante Preise verlangen zu können. Also schied diese Option für mich aus.
Aber das Helios 58mm 44-2 nicht, es wurde mein erstes klassisches Objektiv, das ich im optisch fast tadellosen Zustand (es ist 50 Jahre alt) für 60 Euro kaufte. Es ist klein, massiv aus Metal (wie damals eigentlich alle Objektive), der Blendenring sitzt an der 44-2 Version ganz vorn am Frontglas und warum auch immer, bei f/2 ist an dieser Linse die Blende geschlossen und bei f/16 maximal offen. Entweder war da ein Hobbybastler dran oder 1960 wussten die russischen Optiker nicht, wie Blendenzahl und Lamellen zueinander stehen. Nun ist die Blende auch gar nicht relevant, ich könnte den Ring sogar zukleben, um ein versehentliches Verstelle zu vermeiden. Will man das „Bubble Bokeh“ und besonders weiche Ergebnisse, ist dies nur mit Offenblende möglich. Pixelpeeper würden kollektiven Selbstmord begehen, wenn man aufzählt, was alles passiert – fehlende Schärfe (es ist nicht unschafr bei maximaler Blende sondern sehr weich), chromatische Aberationen (mehrfachvergütete Gläser passten nicht ins Konzept der KPDSU und schon gar nicht in die Zeit) und ein Bokeh, dass faktisch nicht kontrollierbar ist. Aber es hat Charakter und ein Helios ist erkennbar als solches.

Bokeh_Munsters (1)

So entstehen Bilder, die einen Zauber haben, welche weder mit modernen Objektiven noch mit Software erreichbar sind. Es geht bei solchen Optiken nicht um Auflösungspotential und maximale Schärfe. Sondern um Ästhetik und eine Schönheit, die im digitalen Perfektionswahn nicht mehr möglich ist. Es ist dem klassischen Fotografieren und dem Sinn der Fotografie viel näher als der moderne Anspruch, dass man 36MP braucht um maximale Kantenschärfezu erreichen. Nein, braucht man nicht. Ein gutes Bild lebte und lebt nie von Labordaten.
Ich kann jedem nur empfehlen, sich mit analogen Objektiven und ihren Vorteilen zu beschäftigen und sich dem Zeitgeist auch einmal zu widersetzen. Momentan über ich mich am Pentagon 135mm f/2.8 – eine Brennweite die mir am APS-C Sensor nicht ganz geheuer ist. Es war nur so günstig, dass es gleich noch mit in meinen Fuhrpark wanderte. Verglichen mit dem Helios ist das Bokeh viel aufgeräumter und unspektakulärer – keinesfalls aber schlecht und ideal üm auch einmal die 4Beiner in der Familie ganz klassische zu portraitieren.
Wer noch gute analoge Objektive empfehlen kann, die sich ähnlich wie das Helios verhalten, für Ratschläge bin ich immer dankbar.

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