Nord Island (19)
Isafold – Die Eisumschlungene – so wurde Island einst genannt. Und obwohl viele meinen, auf Island sei es immerzu sehr kalt und es würden generell arktische Klimaverhältnisse herrschen, so schaut die Realität doch ganz anders aus. Bedingt durch den Golfstrom, welcher entlang der isländischen Südküste verläuft, fallen die Durchschnittstemperaturen für die Region vergleichsweise sehr mild aus. Natürlich, für manchen Schönwettergeist beginnt warmes Wetter bei 25 Grad und unterhalb der 5 Grad Linie neigt selbiger dazu von einer Eiszeit zu reden. Es gibt aber auch Menschen wie mich, die mit – 20 Grad gut leben und 20 Grad in der Sonne für ausreichend warm erachten – was einen Spielraum von 40 Grad Toleranz ergibt. Und genau in diesem Toleranzbereich bewegt man sich auf Island. Sommer, wo durchaus Rekordtemperaturen von 23 Grad möglich sind und Winter, wo sich abseits des Hochlands der Winter meist zwischen 0 bis – 10 Grad bewegt. Es gab Winter auf Island, da war es wärmer als zur selben Zeit in Deutschland. Landen auf Reykjanes – fast schneefrei im Januar – keine Seltenheit: Das isländische Festland liegt durchweg unterhalb des Polarkreises.
Nord Island (30)
Was man erwarten kann – ganzjährig – sind relativ große Wetterschwankungen. Zwar ist der Spruch „Passt Dir das Wetter nicht, warte 15min“ auch eher aus dem Bereich der Mythen, aber durch den warmen Golfstrom aus dem Süden und Einflüssen aus dem Nordwesten (Arktis) und Nordosten (Sibirien) gibt es recht häufig schnelle Wetterwechsel und eher selten kontinuierliches Wetter. Insbesondere im Frühjahr und Herbst treten oft rabiate Schwankungen mit heftigen Ausmaßen in Erscheinung. 2 Orkane (ab 35m/s bis 50m/s) in einer Woche wie zwischen Oktober/November 2017 sind auf Island weit weniger selten wie in anderen Gefilden. Witterungen, wo der isländische Wetterdienst von Lebensgefahr spricht, wenn man sich draussen bewegt oder wahnsinnig genug ist, im Auto von Orkanspitzen von 120 km/h oder mehr getroffen zu werden.Nord Island (16)
Die Winter, die ich erlebte, waren überwiegend sehr stabil. Zwar gab es Flugausfälle aufgrund stärkeren Windes und ich kämpfte mich durch Schneewehen mit Sichtweiten von gefühlt weniger als 1 Meter, ansonsten ist der isländische Winter herrlich. Im Januar und Februar wird es zwischen 9 bis 10 Uhr hell und die Sonne schafft es kaum, über die Berge zu steigen. Und gegen 16 Uhr wird es bereits wieder dunkel. An guten Tagen hat man das Gefühl, die goldene Stunde ist 6 Stunden lang. Für Polarlichter ist die Winterzeit die beste – je kälter um so geringer die Gefahr von Wolken, die auch die stärksten Polarlichtaktivitäten unsichtbar machen. Je nördlicher man kommt, desto kürzer wird der Tag und in aller Regel um so kälter wird es. Allerdings ist eisiger Wind, der sich in die Haut schneidet weit müßiger zu ertragen als einfacher Frost.


Die Landschaft wirk im Winter ganz anders als zu jeder anderen Jahreszeit – alles scheint im Stillstand zu verharren. Kein Leben mehr – nur Schnee, Eis und oftmals durch den Wind geformte Muster und Formen. Es ist eine erbarmunglose aber ebenso anmutige Schönheit, die eingefleischte Outdorrer und Fotografen in den Bann zieht.


Den Norden zeichnet dabei auch ein landschaftlich anderes Bild als zum Beispiel die Südküsten oder die Halbinsel Snæfellsnes. Selbst enlang der Ringstraße wirkt die aus anderen Jahreszeiten vertraute Landschaft neu und anders. Berge/Vulkane, Seen und vor allem die Fjordlandschaft im Großraum Akureyri hat einen ganz anderen Charakter als im Sommer. Ich mag Perspektiven mit Straßen, welche scheinbar nach nirgendwo führen, alles verschwindet in weißer Wildnis.


„Lost in Iceland“ ist der Titel eines Bildbandes aber vermutlich das Gefühl vieler, die bereits in den Weiten der Insel freiwillig auf „Verlorengehen“ setzten: Entrücken, Abstand gewinnen, sich selber im Schauspiel der Natur verlieren und wiederfinden – und um einen Grund zu finden sich den grausamen Brennivín Schnapps einzuflösen.


Vieles wirkt wie aus einer Traumwelt, wenn Licht und Farben die monotone Landschaft berühren, manchmal gibt es optische Täuschungen wie z. B. die flammenden Solfatare am Námaskarð Pass – da brennt nichts – die Sonne geht gerade hinter den rauchenden Schloten auf und erzeugt ein Bild brennender Erde.

Und was Island ohne Islandpferde – die wohl imosantesten Tiere, die wohl zu den zähesten und widerstandsfähigsten Lebewesen gelten – sie im Winter draussen zu sehen, gemeinschaftlich gegen Kälte und Wind anzustehen, aber auch die Freiheit und Weite zu genießen, gehört immer wieder zu den besonderen Augenblicken. Wer also noch immer glaubt, der Mensch sei die „Krone der Schöpfung“ und das stärkste Lebewesen, dass mit anderen Spezies machen darf, wonach ihr ist – der stelle sich mit diesen Tieren gemeinschaftlich in die Wildnis. Das Ergebnis sollte Bände sprechen.

 

 

2 Replies to “Der Winter in Nordisland”

  1. Du hast so Recht. Bevor ich hierhin kam, haben mich alle auf die kalten Winter angesprochen, aber es hält sich in Grenzen. Die kältesten Tage waren ca. -12 Grad und ansonsten war es immer zwischen -5 und +2 Grad 🙂
    Von daher sollte man sich da nicht zu viele Gedanken drüber machen

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: