Die Fotografie und Ich

Hochland (24)(Foto: Ich auf einem Vulkan – Foto/Copyright F. J. Rosenlehner)
„Die Tatsache, dass eine im konventionellen Sinn technisch fehlerhafte Aufnahme gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.“ (Andreas Feininger)
Nein, dies ist keine Einleitung, die zu fehlerhafter Fotografie aufruft. Es dient nur einer Sache, nämlich der grundlegenden Frage, warum man fotografiert und was ein gutes Bild ausmacht. Seit 2009 bereise ich Island und seit 2009 beschäftige ich mich mit Techniken, Ausrüstung und Bildbearbeitung. Ok, erst seit 2012 nutze ich die Möglichkeiten der RAW Entwicklung aber von Beginn an gab es immer die Frage, wie komme ich dem Bildergebnis näher, das ich beim Knipsen bereits im Kopf habe. Natürlich, ohne das kleine 1 x 1 der Fotografie (einleitend hier) ist vieles schlichtweg unmöglich und ja, es braucht ein Mindestmaß an Ausrüstung, um die Bilder im Kopf in Fotos zu verwandeln.
Ich weiß nicht, wie viel Tutorials ich in den letzten Jahren angeschaut habe, wie viele Stunden mit der Ebenenbearbeitung in Photoshop verbrachte. Wie lang es dauerte, bis ich mit Luminanzmasken umzugehen vermochte und wie man ein ganzes Bild nach Farbkanälen getrennt bewerkeln kann. Für viele Leute ist das Zeitverschwendung oder zu aufwendig. Für mich wurde es ab der Zeit der RAW Entwicklung eine Obsession. Aus dem einfachen Grund – für mich ist ein Foto das, was ich sehe oder fühle. Das Fotografie die Wirklichkeit abbilden kann, halte ich für ausgeschlossen – weder die Malerei noch die Lichtmalerei vermögen objektiv abzubilden – weil der Mensch hinter dem Pinsel oder der Kamera nie objektiv wahrnehmen kann geschweige denn abbilden. Jedes Foto ist ein subjektiver Blick – man blendet aus, ändert Größenrelationen, wandelt Farben in Grautöne um oder gibt mehr Farbe, der Ozean kann kippen, die Welt Kopf stehen – es gibt nichts, dass die Kunst nicht kann. Nur eines kann sie niemals – objektiven Wahrheitsgehalt transportieren. Sie kann Momente einfangen, sie kann Zeit raffen, sie kann den tausendesten Teil einer Sekunde in visuelle Informationen pressen, aber sie ist niemals real. Die Fotografie ist nichts anderes, als einen Ausschnitt (zeitlich, räumlich) der Vergangenheit allgegenwärtig zu machen. Jedes Bild im Kasten ist ein Moment in der Vergangenheit. Und nichts fasziniert mich daran mehr – während unsere Köpfe täglich mit Fluten von Informationen beschäftigt sind, welche selektiv und in aller Regel unbewusst gespeichert oder gelöscht werden, gibt mir die Fotografie die Chance, Dinge für die (kleine) Ewigkeit festzuhalten. Ich entscheide in der Gegenwart, in einem Moment, wie die Erinnerung ausschauen wird. Ich entscheide bewusst, welche Information Bestandteil dieser visuell erzeugten Erinnerung ist und was ich ausblende. Dank der Rahmung des Bildes, Dank der Blende und Dank der Belichtungszeit entscheide ich, was zu sehen ist, was scharf, was verschwommen. Und natürlich möchte ich nicht irgendetwas Zufälliges festhalten (wenngleich das auch spannend ist), sondern gezielt vorgehen.
Was ich nie wollte und mir heut all zu oft aufstößt – eine Kopie anderer sein. Ein Umstand, den die digitale Fotografie leider mitgebracht hat. Jeder zweite Landschaftsfotograf möchte einen Bildlook wie Marc Adamus oder Max Rive – um zwei der heute bekanntesten und wichtigsten Landschaftsfotografen zu nennen. Ich mag beide Künstler sehr und ihre Arbeiten sind oftmals außergewöhnlich, doch gerade auf einschlägigen Seiten wie 500px ist die Zahl von Bildern erschlagend groß, welche technisch sehr aufwendig gestaltet sind, deren Inhaltswert aber gegen Null tendiert. Gute Fotografie ist eben nicht  technische Perfektion. Und heute gibt es mehr Leute, die Tutorials verkaufen als Leute, die aus dem erlernten Wissen heraus eine eigenständige Ausdrucksform kreieren können. Eben so die zahllosen Insider Tipps, wann man gute Bilder machen kann. Nun, man kann immer gute Bilder machen – die goldene oder blaue Stunde sind bestimmte Lichtsituationen, die einen bestimmten Flair ins Bild zaubern. Sie sind aber nicht die einzigen legitimen Zeiten. Jeder Moment hat seinen Reiz, insofern man sich der Situation vor Ort immer im Klaren ist. Hätte ich nur dann Fotos gemacht, wenn die „idealen“ Bedingungen da waren, wäre mein Erfahrungshorizont recht klein geblieben. All zu oft waren die Begebenheiten anders als erwünscht und nicht immer stehen Tage und Wochen zur Verfügung, um den richtigen Moment abzupassen. Und so sehr ich Leuten empfehle, vorm Auslösen die Szene bewusst auszusuchen – es gibt sie immer wieder, die Bilder, die doch spontan entstehen und sich im Nachhinein als die besseren Bilder herausstellen.

Island aus der Luft (11)

Und was man nie vergessen sollte – die Frage ist immer, was man für wen fotografiert. Auftragsfotografie ist oftmals genau das Gegenteil dessen, was man selber lieber gestaltet. Das subjektive Gefallen muss ganz und gar nicht mit der Resonanz der Öffentlichkeit übereinstimmen und umgekehrt. Da in Communities gern auf viel positives Feedback, Likes und Anerkennung gesetzt wird, rückt die Freude an der Arbeit und am eigenen Sehen in den Hintergrund. Was dann wiederum zu Lasten der guten Fotografie geht. Anders gesagt, es gibt hypothetisch 8 Milliarden Sichtweisen auf die Welt, aber in der Fotografie scheint oftmals die Regel zu sein, dass nur wenige Sichtweise existieren. So möchte ich meine Arbeit nicht verstehen und auch nicht von der Arbeit anderer genervt sein.

Der Süden (70)

Gute Fotos besitzen immer mindestens 2 Geschichten: Die des Fotografen und jene, die der Betrachter darin sieht. Sieht er nichts, ist das Bild für ihn nichts wert. Wenn ich meine Bilder einzig darauf ausrichte, dass andere in den Bildern einen Wert für sich entdecken, dann ist meine Arbeit ebenfalls nichts wert. Positives Feedback ist toll – aber es kann und darf nicht das Maß aller Dinge sein.  Und so hart es klingt, nicht jeder kann ein Sebastião Salgado sein, die Frage ist, muss oder will man es. Manchmal genügt auch die Teilhabe an der Virtuosität eines solches Ausnahmetalents – der allerdings auch sein gesamtes Leben seiner Obsession unterworfen hat und daran im Lauf seiner Entwicklung fast zerbrach. Im Rahmen dessen möchte ich jedem, der es noch nicht kennen sollte, den Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ nahelegen – das Leben von Sebastião Salgado. Ich kenne keine Biografie, die mich derartig beeindruckte und meinen Blick auf die Fotografie unterstrich. Und die mich bis heute noch beflügelt und immer neue Impulse setzt.

Hochland (65)

Es spielt keine Rolle, was man gern fotografiert, wann und wie man es in Szene setzt, welche Art der Bildbearbeitung man nutzt und in welchem Umfang man die vermeintliche Realität verlässt. Wichtig sind Authentizität und eine individuelle Handschrift. Nicht Regeln und Anerkennung sollten die Maßstäbe für gute Bilder sein sondern das Finden des eigenen Stils.
Und für die Nerd Fraktion muss der alte Ansel Adams auch noch herhalten – niemand hat die Landschaftsfotografie geprägt wie er und aus der endlosen Liste seiner Zitate dieses zum Schluss:
„Es gibt nichts Schlimmeres als ein brilliantes Bild eines schlechten Konzepts.“

 

 

2 Kommentare

    1. Ja, ich denke es gibt auch einen gewissen Trend hin, dass alles am PC wichtiger ist als die eigentliche Fotografie. Und nüchtern betrachtet ist es ja so, dass mancher nichts mehr draußen suchen muss, weil er es mehr oder minder gut via Software simulieren kann. Diese Art des Bildentstehens ist zwar legitim, hat aber den Charakter der Fotografie dann doch verworfen. 😉

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