Belichtungszeit

Hochland (36)

Belichtungszeit
Die Belichtungszeit ist nichts anderes als die Vorgabe, wie lang Licht auf den Film oder Sensor fällt. Es entspricht der Zeit, wie lang die Blende im Objektiv geöffnet ist. Die Blende ist zuständig für die Menge an Licht, die für eine bestimmte Dauer durch das Objektiv in die Kamera gelangt. Der ISO Wert bestimmt die Signalverstärkung – zu Analogzeiten war es noch der Film, der eine bestimmte Lichtempfindlichkeit beinhaltete. Heute übernimmt die Kamera, besser der Fotograf die Einstellung für die ISO selbstständig. Man nennt dies auch Restlichtverstärkung – ISO Werte sind heutzutage modellabhängig zwischen ISO 32 bis ISO409000 bei herkömmlichen Handys, Kompakt und Bridgekameras, DSLR und DSLM möglich. Die meisten Kameras bewegen sich mit ihren Standard ISO Werten zwischen ISO 100 bis ISO 12600. Insbesondere gehobene Klassen sind in der Lage, mit erweiterten ISO Bereichen zu arbeiten – unter ISO 100 oder jenseits der ISO 12600.
Doch hier soll es sich heute um Belichtungszeit gehen, insbesondere um den Bereich der Langzeitbelichtungen.
Von Langzeitbelichtungen redet man in aller Regel, wenn es mehrere Sekunden braucht, um eine Aufnahme mit Informationen zu füllen. Aufnahmen, die ohne Stativ nicht realisierbar sind. Zwar gibt es Belichtungszeiten, die ebenfalls ohne Stativ nicht verwacklungsfrei möglich sind (zum Beispiel 1/10Sek bei 60mm Brennweite oder 1/100 Sek bei 400mm Brennweite), aber Langzeitbelichtungen beginnen in aller Regel ab 1 Sek Belichtungszeit. Und ja, es gibt heute sehr gute Bildstabilisatoren (insbesondere Kombinationen aus interner Kamera- und Objektivstabilisierung), aber auf diese möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen.
Die Belichtungszeit ist ein wichtiges gestalterisches Mittel in der Fotografie: Sie kann Bewegungen einfrieren – zum Beispiel bei 1/8000 Sekunde sieht man die Rotorblätter eines Hubschraubers in der Luft still stehen. Man kann Menschen in einer Straße „vergeistern“, indem man ihre Bewegungen mit 1/10 Sek festhält und dadurch Bewegungsunschärfe entsteht. Man kann einen Marktplatz trotz Hunderter Besucher entleeren, indem man minutenlang belichtet und alle Bewegungen aus dem Bild verschwinden lässt. Spitzenfotografen können mit exaktem Fokus und sehr schneller Belichtungszeit Vögel in dem Moment einfangen, wenn sie mit dem Schnabel ins Wasser stoßen um einen Fisch zu fangen und andere nehmen weit entfernte Objekte im Universum auf durch ultralange Belichtungszeiten mit gleichzeitiger automatischer Fokusnachführung um Bewegungsunschärfe zu vermeiden. Andere belichten 8 Stunden die Polarnacht ohne Fokusnachführung und erzeugen somit einen Himmel voller Sternspuren. Mit anderen Worten, die Belichtungszeit hat einen unmittelbaren Einfluss auf das Bildergebnis. Während die Blende Schärfe und Bokeh bestimmt und die ISO Signale verstärkt, hat die Belichtungszeit einfach nur Einfluss, auf Bewegung und Stillstand. Ein Moment in einem Foto kann 1/2000 Sek sein, ein Moment kann aber auch aus einer 30 Sek Aufnahme bestehen. Als Fotograf muss man wissen, wann welche Belichtungszeit notwendig ist. Während im Bereich Portrait/Reportage/Wildleben schnelle Belichtungszeiten nahezu immer nötig und erwünscht sind, müssen in der Lowlight und Nachtfotografie nahezu immer sehr lange Belichtungszeiten in Kauf genommen werden. Lediglich in der kreativen Fotografie sind verschiedene Belichtungszeiten oftmals gewollt und ab und an sogar entgegengesetzt der fotografischen Logik eingesetzt.
Hochland (65)
Wie ermittelt man nun die Belichtungszeit?
Insofern man nicht im M – oder B – Modus fotografiert oder über den Zeitpriorität (T) die Belichtungszeit vorgibt, ermittelt die Kamera die Belichtungszeit selbstständig. Hierzu analysiert die Kamera die Lichtverhältnisse durch Messfelder auf dem Sensor. Bei mittleren und gehobenen Kameraklassen stehen dem Fotografen dabei verschiedene Modi zur Ermittlung der korrekten Belichtungszeit zur Verfügung. Es gibt in aller Regel mindestens 3 Arten der Belichtungsmessung, ich möchte mich an der Stelle aber auf zwei davon reduzieren – die Mehrfeldmessung und die Spotmessung. Die Begriffe sind nahezu selbsterklärend – bei der Mehrfeldmessung ermittelt die Kamera automatisch die Lichtverhältnisse des gesamten Bildausschnitts und errechnet die Belichtungszeit. Desto ausgeglichener das Licht der Umgebung, desto korrekter die Belichtungszeit – die Gefahr der Über – bzw. Unterbelichtung wird minimiert. Je weiter Lichter und Schatten ausgeprägt sind, um so schwieriger wird es für die Kamera, die korrekte Belichtungszeit zu finden. Der Dynamikumfang des Sensors ist hier von entscheidender Rolle. Je größer die Zahl der „verwertbaren“ Blendenstufen, desto mehr feine Abstufungen kann die Kamera zwischen Schwarz bis Weiß darstellen. Je kleiner der Sensor, desto geringer der Dynamikumfang. Allerdings gibt es keinen Sensor auf der Welt, welche die Dynamik der Natur einfangen kann. Die Spotmessung reduziert die Lichtmessung auf einen äußerst geringen Bereich des Bildes – die Kamera ignoriert also die Licht und Schattenverhältnisse des Bildausschnitts und misst einen Bereich von wenigen Prozent des gesamten Bildes. Dies eignet sich, wenn der Fotograf zum Beispiel im Makrobereich seinen Fokus auf einen bestimmten Bereich im Bild legt, dessen korrekte Belichtung wichtig ist wohingegen der Rest des Bildes nicht relevant ist. Auch bei komplizierten Lichtverhältnissen kann die Spotmessung hilfreicher sein insofern der Fotograf das gesamte Umgebungslicht einzuschätzen weiß. Die meisten Kameras bieten die Möglichkeit, manuell in die Belichtung einzugreifen mit Hilfe der Belichtungskorrektur. Je nach Kameraklasse können Kamerabelichtungswerte um 3 bis 7 Blendenstufen korrigiert werden. Wenn man also z.B. anhand des Histogramms feststellt, dass die Kamera überbelichtet, kann über die Belichtungskorrektur das Bild z. B. um eine Blendenstufe ( oder 1/3 oder 2/3 je nach Kamera) manuell abdunkeln. Dies wirkt sich auf die Belichtungszeit aus. Dunkle ich um eine ganze Blendenstufe ab, verkürzt sich die Belichtungszeit automatisch. Muss ich um eine ganze Blende aufhellen, verlängert sich die Belichtungszeit.
Sich blindlings auf die Kamera zu verlassen, ist kein guter Weg zu guten Bildern zu gelangen. Zwar arbeiten viele Modelle heute recht zuverlässig, doch der prüfende Blick ist immer notwendig. Allein schon um zu sehen, ob ich die Aufnahme bei schlechtem Licht überhaupt Freihand verwirklichen kann ohne zu verwackeln. In dem Moment, wo ich kreativ mit der Belichtungszeit arbeiten möchte, geht es nicht ohne explizite Kontrolle und Einflussnahme. Möchte ich bei hellstem Tageslicht einen Wasserfall vernebeln, kann ich weder via Blende noch ISO arbeiten, sondern muss auf Filter zurückgreifen, um der Kamera deutliche dunklere Lichtverhältnisse vorzugaukeln. Und hier sind wir in der Langzeitbelichtung:
Ganz gleich ob ich nachts fotografiere oder mit Hilfe von Graufiltern künstlich Licht entziehe – in dem Moment, wo Belichtungszeiten entstehen, die Freihand nicht machbar sind, muss ich manuell eingreifen, bei den meisten Kameras jenseits der 30 Sekunden Belichtungszeit sogar ausrechnen, wie lang nun korrekt belichtet werden muss um dann im B (Bulb) Modus agieren zu können.
Wie aber macht man das?
Gehen wir von dem Fall aus, wir nutzen die Fufifilm X-T2 mit dem Fujinon XF 14mm f/2.8 und möchten die Milchstraße fotografieren. Die Umgebung interessiert uns nicht, es gibt kein störendes Licht vom Mond oder Lichtquellen in der Landschaft drumherum. es ist rabenschwarze Nacht aber die Milchstraße ist sichtbar. Das Objektiv ist im manuellen Fokusbetrieb und wir wissen, dass die Einstellung auf „unendlich“ passt – ergo die Sterne später scharf erscheinen.
Die Kamera sitzt auf dem Stativ, das Objektiv ist grob Richtung Sternenhimmel gerichtet. Als Grundeinstellung haben wir:
A- Modus 14mm f/4 ISO200
Als wir den Auslöser halb durchdrücken, blinkt in rot die „30“ auf – Die Kamera teilt uns gerade mit, dass 30 Sekunden Belichtungszeit nicht genügen, um ein (nach Kameramaßstab) korrekt belichtetes Bild zu erzielen. Für den Fotografen bedeutet dies, mit diesen Einstellungen kann die Aufnahme im A -Modus nicht vorgenommen werden. Nun gibt es verschiedene Optionen. Die erste wäre, die Einstellungen zu korrigieren. Wir erinnern uns, dass man Nachts in aller Regel mit höheren ISO Werte werkeln muss.
Wir ändern die Einstellungen wie folgt:
A- Modus 14mm f/4 ISO800
Wir haben die ISO Zahl verdoppelt, ergo die Restlichtverstärkung um 2 Blenden erhöht. Wir drücken die Auslöser wieder halb durch. Nun zeigt uns die Kamera eine ermittelte Belichtungszeit von 25 Sekunden an. Wir sind also in dem Bereich, wo man im A- Modus noch fotografieren kann. Weil wir aber keine Anfänger sind, wissen wir, dass 25 Sekunden Belichtungszeit bereits zu sichtbaren Sternenbewegungen führen. Wir benötigen eine Belichtungszeit, die also maximal 10 bis 15 Sek betragen darf, um Sternenspuren auf ein Minimum zu reduzieren.
Da fällt uns auf, dass wir ja eine volle Stufe abgeblendet haben. Das XF 14mm kann man insbesondere Nachts aber auch mit Offenblende nutzen. Wir wagen also den Schritt und gehen zu:
A- Modus 14mm f/2.8 ISO800
Nun geschieht weiterhin reine Physik, das Öffnen der Blende um eine volle Stufe halbiert die Belichtungszeit. die Kamera zeigt uns nun an, dass wir etwa 12 Sekunden belichten müssen. Um sicher zu gehen, er höhen wir bei der nächsten Aufnahme die ISO auf 1600.
A- Modus 14mm f/2.8 ISO 1600
Nun bekommen wir eine Belichtungszeit von etwa 6 Sekunden serviert – wir sind im absolut grünen Bereich, die Sterne werden später tatsächlich als Punkte erscheinen und nicht als kleine Striche. Dafür haben wir etwas mehr Bildrauschen in Kauf genommen, was in der Nachbearbeitung aber keinerlei Probleme verursacht. Während wir uns freuen, gesellt sich ein zweiter Fotograf zu uns. Er nutzt zufälligerweise auch eine Fujifilm X-T2 aber in Kombination mit dem Samyang 12mm f/2. Welchen Vorteil bringt er mit?
Nun, er hat 2mm weniger Brennweite zur Verfügung – ein enormer Vorteil denn dies beschert ihm 3-5 Sekunden mehr Spielraum bei den Belichtungszeiten. Ergo, er kann also mit ISO800 aufnehmen aber bei 12mm Brennweite 15 Sekunden belichten ohne Sternenspuren zu erzeugen und dabei von f/2 sogar eine ganze Stufe auf f/2.8 abblenden, um die Abbildungsleistung etwas zu erhöhen.

Der Süden (63)

Wie man sieht, Belichtungszeit steht immer im Verhältnis zum Umgebungslicht, zur Brennweite, zur gewählten Blende und zur ISO. Was nun aber, wenn ich Belichtungszeiten nicht verkürzen sondern verlängern möchte? Wie wir wissen, steuern das Blende und ISO. Was aber, wenn ich minutenlang belichten möchte? Wie ermittle ich die Belichtungszeit? Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder auf gut Glück oder ich weiß was ich tue. Ich nehme als Beispiel einen gut besuchten Wasserfall an der Südküste Islands – den Skógafoss. Wind, Wolken, kaltes Wetter – es hält hunderte Besucher nicht ab, vor meiner Frontlinse hin – und her zu laufen. Wohl oder übel kann ich kein Bild, Bilder mit Menschen oder Bilder mittels Langzeitbelichtung ohne Menschen machen. Da mit hier 3 oder 10 und vermutlich auch 30 Sekunden nicht weiterhelfen, weil ständig wer vor mir schreckliche Selfies macht, wird ein Neutraldichte (alias Graufilter) hilfreich sein. Meine Kamera auf Stativ mit XF 23mm 1.4 ist bereit. Abgeblendet auf f/4 zeigt mir die Kamera eine Belichtungszeit von einer Sekunde an.
Eine Sekunde ist natürlich viel zu wenig, setze ich da also einen ND 3.0 an? Dieser Filter verlängert die Belichtungszeit um das Eintausendfache. 1 Sekunde x 1000 er gibt 1000 Sekunden. Dies entspricht einer Belichtungszeit von etwa 16 Minuten und 30 Sekunden – zuviel. Hier sollte ein Graufilter mit 64facher Belichtungsverlängerung genügen. Ergo – 64 Sekunden Belichtungszeit bei ISO200 und f/4. Die Kamera wird nun in den Bulb (B) Modus versetzt, da ich über 30 Sekunden belichte. Ich setze also den 100×100 ND1.8 Filter an und stelle fest, dass der Autofokus bereits seinen Dienst verweigert – es ist bereits so dunkel, dass die Kamera nicht mehr in der Lage ist scharf zu stellen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten – beide erfordern allerdings den Filter nochmals abzunehmen. Entweder fokussiere ich scharf mit Hilfe der Fokus – Peakingfunktion oder aber ich drücke den Auslöser halb durch – findet die Kamera dann nach wie vor den richtigen Fokuspunkt, halte ich den Auslöser gedrückt und schalte parallel den Autofokus am Objektiv ab. Dadurch verbleiben die Linsen in der Stellung, wie sie der AF sie stellte. Vorsichtig schiebe ich den Filter wieder in den Halter ohne die Kamera zu bewegen. Mit dem Fernauslöser löse ich nun aus und halte den Auslöser gedrückt, bis mir das Kameradisplay 64 Sekunden anzeigt. Es sind 1 Minute und 4 Sekunden vergangen: Das Wasser ist absolut vernebelt (was auch bei 1 Sekunde schon der Fall wäre), Menschen sind hoffentlich nicht mehr zu sehen, die Wolken wirken nun wie lange, geisterhafte Streifen entlang des Himmels. Der Rest des Bildes sollte scharf sein. Um sicher zu gehen, schließe ich die Blende auf f/5.6 und verdopple bei gleicher ISO nochmals die Belichtungszeit auf satte 128 Sekunden – über 2 Minuten um wirklich jede menschliche Regung im Bild zu eliminieren.
Diese Prozedur funktioniert auch bei noch längeren Belichtungszeiten. So lang ich einen Ausgangswert habe, kann ich durch Wirkung verschiedener Blenden/ISO und ND Filter die endgültige Belichtungszeit berechnen. Insofern sich während der Aufnahme die Lichtbedingungen nicht ändern (plötzlich erscheinende Sonne z.B.), ist es immer reine Mathematik, mit welcher ich die korrekte Belichtungszeit ermitteln kann. Wichtig ist, in irgendeiner Einstellung Ausgangswerte zu finden. Wenn ich in finsterster Nacht keine Daten finde, kann ich zum Beispiel mit ISO12800 belichten – und kann dann rückwärts rechnen – je geringer ich die ISO einstelle, desto länger muss ich umgekehrt proportional belichten:
16mm f/4 ISO12800 = 1 Sekunden
ergibt bei
16mm f/4 ISO6400 = 2 Sekunden
ergibt bei
16mm f/4 ISO3200 = 4 Sekunden
ergibt bei
16mm f/4 ISO1600 = 8 Sekunden
usw.

Der Westen (104)

Experimentierfreude ist dennoch ratsam, weil man durch das Probieren mit der zeit auch ein praktisches Gefühl bekommt für Verschlusszeiten und welche Wirkung sie haben. Zum Beispiel wirken Wasserfälle bei 1/500 Sek oder schneller sehr drastisch, weil die immense Kraft eingefroren wird. Bei sehr lange Verschlusszeiten wird das Wasser vernebelt und mystifiziert die Szene. Verschlusszeiten von 1/20 Sek oder1/100 Sek (je nach Art des Wasserfalls) wirken meist sehr langweilig.
Bei Fragen einfach die Kommentarbox nutzen 😉

#Fujifilm #Landschaftsfotografie #Fuji X # Daniel Vorkauf #Reisefotografie

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