Mirror_Lake_6Es ist vollbracht. Von Nordbayern mit dem Auto nach Norwegen bis nach Bergen und zurück. 3944 Kilometer. Fahren in Vollzeit mit vergleichsweise wenig Wandern und Klettern. 2054 Kilometer fallen auf deutsche Autobahnen, die A7 hat sich dabei als das neueste Hassobjekt geoutet. Ich bin ja ohnehin ein muffeliger Fernfahrer aber Baustellenjumping und baustellenbedingte Vollsperrungen um 2 Uhr morgens rauben mir den letzten Nerv. Ausgerechnet der Elbtunnel war 2 mal problemfrei zu passieren, dafür war die Rückfahrt im deutschen Raum nahezu überall jenseits des erträglichen.
Ein paar Gedanken und Erfahrungen zum Mai Trip
Ein größerer Stau in Dänemark bewog mich auf der Hinfahrt, die Autobahn zu verlassen. Meine Horrorvorstellung vom öden Flachland bewahrheitete sich nicht so ganz und irgendwie wirkte der etwa 60 Kilometer lange Autobahnumgehungsweg sogar sympathisch. In Norwegen ist man ja recht schnell in bergiger Landschaft und ohne großen Aufwand weit über 1000 Meter. Da gehöre ich hin. Die Ziele in Norwegen waren glasklar definiert – Fotografieren wo es schöne Landschaften gibt und möglichst alle touristischen Hotspots und Ferienanlagen vermeiden. Die grob veranschlagte Marschroute von Kristiansand über Stavanger nach Bergen und über das Hochplateau der Hardangervidda wieder zurück nach Süden. Ok, klingt wie die Fahrt in einen riesigen Touristenspot, aber der große Horror blieb auf der Straße aus und viele Ferienorte waren noch nicht belegt. Oder ich hatte bereits den körperinternen Ignore-Modus aktiviert. Einzige die unendlichen Mengen an Wohnmobilen erzeugten ab und an Verstimmungen im Magenbereich.Glücklicherweise nisteten die meisten Womos gebündelt an Womo- Plätzen wo offenkundig alle Womo Inhaber ihre Womos mit den Womos anderer Womo Inhaber verglichen und den gleichen Womo Ritualen nachgingen wie man es wohl als Womo Meister tut. Kleine Womos, mittlere Womos und fahrende Großraumwohnungen – die Gigaliner unter den Womos. Und ich saß am letzten Abend in einem Womo – die Womo Inhaber aus Basel in Switzerland luden zum Kaffee ein und es gab 2 Stunden Einblick in das Leben von Womo-Isten, die seit 20 Jahren mit diesem einen Fiat die Welt bereisen, das 9. oder 19. Mal in Norwegen. Beide über 70, angenehm schrullig, erträglich spießig aber mit einem super Kaffee. Das eine der 4 Womo-optimierten Tassen verloren ging, wurde ausführlich geschildert – ich habe in der Tasse zwar nur eine Tasse gesehen aber jedem seine Auffassung. Und ich weiß nun, dass Womos auch eine Außendusche haben können. Ich habe in meinem Toyota Hybrid eine funktionierende Außenscheibenwaschanlage und führte 8 Flaschen Wasser zum Zweck des Trinkens mit. Nein, ich werde kein Womoianer, lang lebe der Camper oder Hippibus. Und mein Hybrid. Wer hier Sarkasmus rausliest, hat vollkommen Recht.
Wo man Menschen traf, erfolgte immer der vorsichtige Check – Deutsche – nichts sagen oder englisch reden. Und hoffen dass das Nummernschild nicht auffällt. Funktionierte immer. Nur an einer kleinen Fähre vor Stavanger geriet ich in einen Hinterhalt – 3 ältere Herren aus Aschaffenburg – die passend feststellten die Welt ist klein – Ja, oftmals zu klein. Nach 5 Minuten einseitger Kommunikation erlöste mich die Fähre. Dann fuhren sie noch 20 Kilometer hinter mir her, ich neige selten zu Paranoia aber ich ging zu reflexartigen Fluchtversuchen über mit überhöhter Geschwindigkeit. Glücklicherweise musste sie dann wohl doch Richtung Süden/Fähre und ich Richtung Osten.
Letztendlich lautete die Route grob: Kristiansand – Rysstad – Haukeli – Roldal – Odda – Tysse – Bergen – Dale – Eidfjord – Geilo – Rjukan – Hjelmelandsvagen – Fister – Oanes – Egersund – Flekkefjord – Lyngdal – Kristriansand
Manches im Kreis, oftmals abseits der Hauptstraßen – nicht als Mautpreller sondern um die besonderen Flecken zu finden. Das war aus fotografischer Sicht heiter bis wolking, allerdings gab es ein Problem.
Mirror_Lake_2
Das Problem des Wetters. Wie der Titel des Beitrags vermuten lässt, handelte es sich um eine 8 Tage durchgehende Hitzewelle. 24 bis 28  Grad hieß es auszuhalten. Durchgehend höchste Waldbrandstufe, ich musste mehr als einmal um Fassung ringen. Kaum Wolken, öder blauer Himmel und katastrophales Sonnenlicht, zwischen 7 und 21 Uhr war das Fotografieren eine Qual. An mancher Stelle erreichte ich mit dem 3.0 Stopper Beichtungszeiten von 3  oder 5 Sekunden, was bei Seen mit viel Bewegung zu wenig ist. Dummerweise hatte ich ausgrechnet den kleinen Stopper Zuhause gelassen, teilweise arbeitete ich mit ND 3.0 und ND 2.7, was dann minutenlanges Belichten mitbrachte unter glühender Sonne. Hartes Sonnenlicht macht selten schöne Bilder – mir blieb also nur, später abends oder morgens gegen 4 Uhr zu fotografieren. Wirklich dunkel wird es bekannrlich Ende Mai auch in diesen Gefilden Norwegens kaum. Tagsüber war das Fotografieren nur brauchbar, wenn man im richtigen Winkel zur Sonne stand und insbesondere Wasserflächen nicht direkt angestrahlt wurden. Also erwartete ich letztendlich von den Bildern nicht so viel und stellte mich auf eine Schnappschuss Reise ein.
Nach 2 Tagen hatte ich bereits einen Bräunungsgrad erreicht, den ich sonst im gesamten Sommer nicht erreiche bzw. erfolgreich vermeide. Sonencreme und Insektenabwehrspray sorgten obendrein für eine merkwürdige Form des Selbstgeruchs, vor Mücken und Zecken musste ich mich keinesfalls fürchten. Und ich wäre nicht ich, wenn nicht auch Creme den Kamerabody und manches Objektiv und manchen Filter befleckt hätte. So wurde es eine fast schon obskure Art des Fotografierens – Sonne verfluchen, Haut eincremen, Technik abcremen, Schweissbaden und  – daher der Steinzeit Junior – den Stativkopf reparieren. Ich hatte alles dabei – alles bis auf die Schraubendreher für mein Stativ. Erst wackelte der Kugelkopf, dann ließ sich die Stellschraube nicht bewegen. Nachdem ich das behoben hatte, wackelte die Kamera dennoch – die Schraube auf der Halteplatte war locker. 6 oder 8 Kantschraube – dafür hat man Ausrüstung. Auch ich – in 2000 Kilometer Entfernung. So verbrachte ich Zeit damit ein passendes Steinchen zu finden, dass sich der Bohrung der Schraube anpasst – und es gelang! In steinzeitlicher Manier reparierte ich ein ultramodernes Carbon Stativ mit Mitteln der Natur.
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Letztendlich ist im Outdoorbereich das Improvisieren eben doch fester Bestandteil, auch wenn ich den Stativkopf nun wohl ersetzen muss – der Stein zog die Schraube zwar fest aber machte auch die Fassung kaputt. Es ist in 4 Jahren der 3 Kopf, der einen Einsatz im Norden nicht überstanden hat. Fotografisch versuche ich mich mehr auf Spiegelungen festzulegen und Wasserfälle abseits der Hauptsraßen zu finden.
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Die Fahrstrecken waren meist deutlich länger als veranschlagt und nach 5 Tagen hieß die Devise runter vom Gas und an einzelnen Orten länger verweilen – was Wetter- und Lichtbedingt kein wirklicher Segen war. Man soll ja auch etwas entschleunigen und wirken lassen, aber mir fehlte die Ruhe dazu. Das Problem ist, dass ich an Norwegen ein ähnliches Erwartungspotential inne hatte wie auf Island. Was mir nicht gelang, war innerlich diese Bindung herzustellen, die mir von Island so vertraut ist. Und das lag nicht am Wetter. So schön viele Landschaftsstriche sind, so erhaben riesig und facettenreich, so wirkt es alles auch hart von Menschenhand beeinflusst. Hardangervidda  – Europas größtes Hochplateau – eine Augenweide – aber diese endlosen Spots mit diesen peinlichen Nachbauten klassicher Holzhütten – die Skiegebiete, die Womo Plätze – ich wurde damit nicht einig. Dort sah ich, was ich für Island in naher Zukunft befürchte. Die Optimierung einzig für mehr und mehr Besucher – vor allem für die mit Komfort und Luxus Erwartungen. Ich habe nur bedingt eine Vorstellung davon, was dort im Juli oder August los sein wird. Ende Mai war gemäß norwegischer Angaben noch sehr überschaubar. Also zukünftig die Reisezeiten in den März verlegen (was in den Skigebieten kaum logisch erscheint) oder im späten Herbst reisen, was vielleicht die sinnvollste Zeit ist.
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Reflections_1
Aber abgesehen von dem, worüber ich stundenlang lästern könnte – Norwegen bietet noch immer unzählige Flecken, die zur richtigen Zeit einen besonderen Flair haben und Fotografieren zum Erlebnis machen. Oftmals waren es auch unverhoffte Momente oder Erscheinungen, die je nach Richtung und Höhe auftauchten. Mancher See lag windgeschützt, wie ein Spiegel zwischen Bergen – selbst zu unmöglichen Zeiten, wenn die Sonne hoch stand. Wer fündig werden will, wird auch in den eher überlaufenen Gebieten schöne Motove entdecken. Wichtig sind offene Augen und ab und an auch einmal experimentell laufen oder klettern – es lohnt sich. Ich hatte lange überlegt, welches Objektive wohl am geeignesten wären und wollte mich reduzieren – also nahm ich alle Objektive mit und nutzte dennoch fast ausschließlich das 18-55, 10-24 und 23er 1.4 für die Landschaften. Lichtstärke war aufgrund der Verhältnisse nicht von Relevanz, allerdings weit öfter Brennweiten unter 18mm nötig als ich glaubte.
Old_Village
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Was ich mir letztendlich erhoffte, kam nur selten als Ergebnis zustande. Die Sonnenauf – und Untergänge waren überwiegend unspektakulär was die Farben anbelangte. Bei einem blauen und klaren Himmel rund um die Uhr kaum verwunderlich. Hartes Licht tagsüber ist nicht des Fotografen Freund, mein alter Pol Filter mag mein 10-24 nicht oder umgekehrt, es treten merkwürdige Muster auf, wenn der Filter eine bestimmte Stellung hat. So musste ich mit den ganz klassischen Mitteln arbeiten, welche die Kamera hergibt. Manueller Weißabgleich, manuelle Belichtungssteuerung und oftmals mit ISO 400 oder gar ISO 800 um den letzten Zacken Dynamik aus dem Sensor zu zaubern um die harten Licht/Schattenkontraste kontrollieren zu können. Je nach Landschaftsart hätte auch kein GND geholfen. Noch nicht alle Bilder sind geprüft, aber die engere Auswahl wird eher dünn ausfallen. Gute Bilder gibt es viele, aber das was ich wollte sehr selten. Aber das gehört auch dazu, Wetter und Bedingungen sind nicht buchbar und man muss mit dem arbeiten, das zur Verfügung steht.
Recht außergewöhnlich ist das letzte Bild, welches unter diesem Abschnitt hier erscheint – Timing ist manchmal alles. Beim eher zweifelhaften Erfolg, einen Sonnenuntergang festzuhalten (grelles Licht, Windbewegungen), gelangen mir einige Bilder dieser Art – die Sonne direkt hinter einem Baum und fantastische Lichtstrahlen, welche sich abendrötlich im Flusswasser reflektierten. Diese Art war ursprünglich das gewünschte Ziel, wenngleich es mir nicht um endlos viele pathetische Golden Hour Bilder ging. Aber eben das Besondere, was oftmals wichtiger als nur „gut“ ist.
River_Sunset
Insgesamt war es eine spnanende Reise, das dritte Mal erst Norwegen und trotz der zurückgelegten Distanz weiß ich, nur Bruchteile überhaupt gesehen zu haben. Ich bin zwiegespalten, wann und wie es wieder in dieses Land geht, gefühlt scheint mir ein ausgewählter Langwanderweg attraktiver als sich durch die endlosen Straßen zu quälen und viele schöne Spots zwangsläufig liegen zu lassen.
Ich hoffen in nächster Zeit dann dennoch ein paar attraktivere Bilder zu finden, die sich lohnen hier gezeigt zu werden. Vorerst heisst es sortieren, aussortieren und eine Art Ordnung in die Vielzahl von Landschaftsaufnahmen zu bringen. Da das Wetter hoffnungslos sommerlich ist, bieten sich ganz aber viele Stunden in der digitalen Dunkelkammer an. Und eines ist sicher, der nächste Herbst kommt. Ein Lichtblick für finstre Gemüter.
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5 Replies to “Im tropischen Norwegen”

  1. Also, mir gefällt’s – trotz Hitzewelle und wolkenlosem Himmel 🙂 Besonders das erste und letzte Bild. Superschön und macht große Lust auf Norwegen! Ich hätte nicht gedacht, dass es da jetzt auch so heiß ist. Und alles mit dem Auto – Respekt! Ich bin mal 25.000 km durch die USA gefahren … in 6 Wochen, aber das war gar nicht so schlimm wegen der großen Straßen. Generell mag ich Roadtrips sehr gern, aber nicht, wenn man nicht voran kommt.

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