XF_16mm_1.4
Liest man in diversen Foren über X-T2, X-Pro2 oder den X-H1 Jumbo, hört man oft, dass man für das Geld ja schon Vollformat kaufen könnte. Ergo impliziert, Vollformat wäre eine bessere Kameraklasse. Oftmals spürt man, dass die 2 großen Kamerahersteller (z. B. Nikon: „Vollformat für alle“) viel Geld erfolgreich in Werbung gesteckt haben. Und während Sony im Dauerzustand permanenter Modell Updates puhlt und in den nächsten 10 Jahren vermutlich 100 verschiedene A7 bis A9 Mark I bis Mark VII zusammenmurkst, gibt es eben die kleineren alternativen Hersteller, die konsequent ihre eigenen Produktlinien fahren, sei es Panasonic, sei es Olympus oder natürlich Fuji. Und völlig gleich, wie sich die Marktanteile derzeit verhalten und welche Verschiebungen es in den kommenden Jahren geben mag (man denke daran dass nun auch Canon/Nikon ernsthaft in spiegellose Systeme einsteigen möchten), die Zukunft ist spiegellos. Ich gehe soweit zu behaupten, dass die Zeit für Miniknipsen und günstige Kompaktkameras abläuft, da die Entwicklung bei Handykameras derartig schnell verläuft, dass für viele Menschen ein kleiner Knipskasten nicht mehr nötig sein wird. Ebenso wird es einen drastischen Rückgang bei Spiegelreflexkameras geben. Das gilt sicherlich nicht für die Flaggschiffe aller führenden Hersteller, doch das Segment wird spürbar verkleinert werden.
Warum gehen Menschen nun „Mythen“ nach, dass Kameras anhand ihrer Sensorgröße besser oder schlechter sind. Zu Analogzeiten war der 35mm Film lediglich das am weitesten verbreitet Format neben Mittelformatfilm oder Planfilm. Je größer der Film, umso größer das Potential der Vergrößerung. ISO Filmempfindlichkeit wurde durch den entsprechenden Film definiert. Doch ich möchte an dieser Stelle nicht in staubiger Vergangenheit wühlen. Heute verhält es sich nun eher umgekehrt, der moderne 24x36mm Kleinbildsensor ist die Übersetzung des analogen 35mm Films von einst und in der Herstellung teurer und aufwendiger als Halbformatsensoren, die in aller Regel den Faktor 1,5 (Sony, Fuji, Nikon) oder 1,6 (Canon) aufweisen. Sie besitzen also etwas mehr als die halbe Größe des „Vollformat-“ Kleinbildsensors.
Nun kann man pauschal sagen, je größer die Sensorfläche umso mehr Lichtaufnahme umso mehr Details umso weniger Rauschen umso besser die Bildqualität. Ja, kann man – weil das theoretisch richtig ist und in der Praxis völlig irrelevant um nicht sogar zu sagen, es ist oftmals falsch. Aber der Reihe nach:
1. Es ist nicht die Kamera die beste, welche den größten Sensor bietet, sondern jene Kamera, die meinen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht wird. Dies betrifft nicht nur ihre Aufnahme und Verarbeitungsqualitäten sondern auch Haptik und Gewicht, Wetterfestigkeit. Kameras sind unterschiedlich konzipiert, von der schnappschusstauglichen Urlaubsknipse bis zu Highendgeräten für ganz spezielle Arten der Fotografie. Ein Mittelformatsensor bietet heute die höchstmögliche Auflösung und Abbildungsqualität (natürlich immer in Kombination mit adäquaten Objektiven), aber kein Mensch würde versuchen, eine solche Kamera für Sport und Actionfotografie einzusetzen, da der Autofokus vergleichsweise schleppend langsam ist und die Datenübertragung (50 bis inzwischen 100 Megapixel Auflösung!) jede schnelle Serienbildgeschwindigkeit verhindert. Würde man also die Sensorgröße als einzige Kennziffer für gute Fotografie anerkennen, müsste jeder ins Mittelformat investieren – da ist man in aller Regel ab 6000 Euro dabei, realistisch sind 10000 bis 20000 Euro (nach oben grenzenlos).
2. Der Sensor ist nichts ohne passende Objektive. Das Objektiv nichts ohne passenden Sensor. Was heißt das – nun ganz einfach, Der Sensor kann nur soviel Details auflösen, wie das vergütete Glas des Objektivs hergibt. Eine 100 Euro Scherbe an einem 36 MP Vollformatsensor wird für wenig Details sorgen und schon gar nicht das Potential ausnutzen. Hier muss also hochwertiges Glas im Objektivtubus sitzen. Hochwertig heißt schwer, heißt teuer. Obendrein noch lichtstark, dann ist das Objektiv in aller Regel fast so teuer (oder teurer) als der Kamerabody und verdoppelt prompt das Gewicht. Und wenn man nun ein 14-24mm f/2.8 Objektiv an der Kamera hat, auf sein 70-200mm Tele nicht im Rucksack verzichten will und zur Sicherheit noch das 105mm f/2.8 Makro einpackt mit entsprechendem Stativ das die Kamera und Objektiv tragen kann, ist man schnell bei 10 bis 15 kg und hat noch lang nicht alles dabei. Das ist manchem egal, viele haben Konsequenzen gezogen. Umgekehrt geht natürlich auch, es macht keinen Sinn, ein teureres Objektiv an einen Kamera zu schrauben, dessen Sensor die Qualität des Objektivs nicht auflösen kann. Im Idealfall bringt man den Sensor allerdings an die Grenzen seiner Kapazitäten.
3. Vollformatsensoren rauschen weniger als Halbformatsensoren. Das ist halb richtig und halb falsch. Bildrauschen unterliegt vielen Faktoren und Formen. Generell gilt, je größer der Sensor um so geringer die Anfälligkeit des Bildrauschens. Rechnet man aber Auflösung, Signalverarbeitung, Software und Verdrahtung mit hinzu, kommt man zu anderen Ergebnissen. Genau genommen, kann man häufig nur Megapixelzahl ins Verhältnis zur Sensorgröße setzen und somit das Rauschverhalten bewerten. Je größer der Sensor, um so mehr Pixel können mit geringen Störungen bedient werden. Heutzutage ist an guten Kameras das Rauschverhalten eines 24 MP APS-C Sensors etwa so gut wie das Rauschverhalten eines 36 MP Vollformatsensors. Nicht von ungefähr ist die A7 S nur mit 12 MP ausgestattet, um ISO – Werte jenseits der 25600 wirklich nutzen zu können – dafür fällt die Kantenschärfe deutlich ab, was wiederum für die Astrofotografie nicht relevant ist. Gleichzeitig kann eine Canon 5D SR oberhalb der ISO800 kaum bei maximaler Bildauflösung genutzt werden. Ebenso neigen Canon Kameras zu einem recht ausgeprägten Rauschen beim Aufhellen der Schatten (sowohl Halb – wie Vollformatsensoren), womit die von Sony gebauten Sensoren weitaus weniger Probleme haben. Die Fuji X-T2 rauscht mit 24 MP weniger in den höheren ISO Bereichen als meine alte Sony A7 mit 24 MP, der Fairness wegen aber sei erwähnt, die erste A7 hat auch schon wieder einige Jahre auf dem Buckel.
4. Das gute Bild macht niemals die Kamera. Wer sein Werkzeug kennt und beherrscht und das berühmte dritte Augen richtig einsetzt, wer mit Licht und Schatten arbeiten kann, der arbeitet mit nahezu jeder Kamera gut und erzielt gute Ergebnisse. Auf einschlägigen Plattformen wie Foto Community oder 500px kann man sich jederzeit überzeugen, dass nicht die Kamera für das Ergebnis verantwortlich ist. In aller Regel punkten Highend Kameras immer nur da, wo Situationen auftauchen, die der Technik das Letzte abverlangen. Technische Daten sind oftmals nur Laborwerte und somit Richtlinien oder für Techniknerds relevant, die fotografieren aber nicht sondern studieren Pixel am Bildschirm. Der Dynamikumfang einer APS-C Kamera ist nur geringfügig kleiner als an einer „Vollformat“- Kamera – verglichen mit dem Dynamikumfang, welchen die Natur bietet.
5. und Letztens: Für etwa 2000 Euro inklusive Kit Objektiv , erhält man z. B. mit der X-T2 schon reichlich viel Technik, welche nur wesentlich teurere „Vollformat“- Kameras auch bieten. Eine Canon 6D Mark II hat sicherlich im hohen ISO Bereich die Nase vorn, doch der hohe ISO Bereich ist nicht die Messlatte. In gnadenlos allen anderen Punkten, sowohl bildbezogen als auch haptisch, ist sie einer X-T2 deutlich unterlegen. Gute L- Objektive sind deutlich teurer als die meisten Fujinons und können deren Potential in aller Regel halten, keinesfalls sind sie besser – allerdings deutlich größer und schwerer. Fuji lässt sich diese Qualität und einen gewissen Monopolstatus ( weder Tamron noch Sigma können/wollen bisher AF Objektive bauen für das Fuji X System) sicherlich gut bezahlen doch nach meiner Erfahrung ist es bisher jede Investition wert. Momentan gibt es für mich keinen Grund mehr über die Rückkehr ins „Vollformat“ nachzudenken und ich bin mir sicher, viele andere Fotografen würden dies unterschreiben.

 

2 Replies to “Märchenstunde Vollformat”

  1. Vielen Dank für diese aufschlussreiche „Märchenstunde“. Obwohl ich meine DSLR-Ausrüstung in eine spiegellose Systemkamera (MFT-Standard) gewechselt habe, ist immer auch ein Gedanke beim Vollformat. So quasi wenn ich mal „gross“ bin, dann leiste ich mir mal eine Vollformat. irgendwie bin ich auch vom Mythos Vollformat infiziert. „Es ist nicht die Kamera die beste, welche den größten Sensor bietet, sondern jene Kamera, die meinen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht wird“ . So ist es und daher macht mit meine MFT (mit kleinem Sensor) auch soviel Spass. Lg, Michael

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    1. Ja sicher, wenn man sich damit beschäftigt, kommt irgendwann der Begriff ins Spiel. Viele glauben nur immer, dass toll Bilder von tollpreisigen Kameras stammen bzw. gewissen Effekte von einem Sensor gezaubert werden. Und wer kennt sie nicht – die Kerle, die sogar beim Kameraequipment Größenvergleiche anstellen. Man sieht sie immer wieder, die stolzierende 70-200 L Fraktion, die dann zuckt wenn sie von der 100-400 L Version überrascht wird und der Kamerainhaber auch noch weiblich ist. 😉

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