Infrarot & Blutrote Heidelibelle

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002 Libelle

In den wetterbedingt leidvollsten Wochen des Jahres fand ich heute mal tatsächlich die Zeit, mich im Landschaftsgarten Schönbusch der Infrarotfotografie zu widmen und machte nebenbei die besten Libellenbilder der laufenden Saison. Der unter Infrarotlern beliebte Hoya R72 traf zu Beginn dieser Woche ein und entgegen regulärer Lichtansprüche bei regulärer Fotografie kann es bekanntlich gar nicht genug grelles Sonnenlicht geben um Natur im Spektrum von Infrarotlicht aufzunehmen. Der R72 sperrt sichtbares Licht bis 720nm – ab 850nm wäre keinerlei sichtbares Licht mehr auf dem Sensor.
Die Fujifilm X-T2 ist bekanntlich trotz IR Sperrfilter absolut infrarottauglich und diente heute als Rechenzentrale für die Daten einer unsichtbaren Welt – Du kannst sie nicht riechen, Du kannst sie nicht sehen, Du kannst sie nicht schmecken aber sie ist da“. Realität ist also immer mehr als man sieht. Wer einen alten Kamerabody besitzt, kann sich die Kamera heute auch infrarot-praxistauglich umbauen lassen, zum Beispiel hier – kostet je nach Kamera zwischen 240 bis 300 Euro. Der Vorteil – umgebaute Kameras können mit denselben Belichtungszeiten arbeiten wie herkömmliche Kameras. Meine nicht umgebaute X-T2 in Kombination mit dem Fujifilm XF 23mm f/1.4 und dem Hoya R72 erzielt Belichtungszeiten von 2 bis 8 Sekunden bei ISO 200 und Blende f/5.6 – bei strahlendem Sonnenschein. Ergo, um den Sperrfilter auszutricksen, wird mit dem IR Filter fast die Wirkung eines Neutraldichtefilters 3.0 (tausendfache Belichtungszeit) erreicht – ohne Stativ geht es nicht oder aber man muss mit der ISO extrem hoch gehen um noch Freihand ablichten zu können. Aber dafür hat man ja ein Stativ dabei. Wind sollte keiner gehen, das Glück hatte ich heute weniger.

001 See

Wird die Kamera zur IR Kamera umgebaut, muss auch das Autofokussystem neu justiert werden – im entsprechenden Lichtspektrum kann man nicht zwangsläufig scharfstellen wie mit einer normalen Kamera. Dies gilt auch bei Nutzung eines IR Schraubfilters. Zwar war es hell genug, dass der Autofokus der X-T2 ncoh funktionierte aber ich verließ mich darauf nicht. Ergo immer Filter ab, scharfstellen, bei halbgedrücktem Auslöser auf manuellen Fokus umschalten und den Filter wieder aufschrauben.
Bereits beim Fotografieren sieht man die Welt ganz anders: Dies ist der Anblick im Sucher und gleichsam im Kamera RAW:

Roh

InfraROT – weder die Kamera noch Photoshop können mit diesem Farbspektrum umgehen. Die Farbtemperatur von 2000 Kelvin stellt die unterste Grenze im Spektrum dar, hier braucht es also tiefere Eingriffe für den passenden Weißabgleich und den Tonwertkurven. Nicht schwer, dazu später mehr.
Daraus ergibt sich zwangsläufig ein Fakt, es muss das digitale Rohdatenformat genutzt werden. Mit den notwendigen Eingriffen kommt man mit Kamera jpegs nicht weit. Ohne RAW Format zaubert man Datenbrei und keine brauchbaren Bilder. Wie bereits erwähnt – man braucht soviel Sonnenlicht wie nur möglich – und möglichst viel Grün – Blätter, Gras – Landgurken oder grünen Lippenstift. Völlig egal – grün ist die Farbe der Farben, wenn es um diesen Effekt geht alias Wood Effekt. Natürlich hat der Infrarotfilter Einfluss auf alle Farben im Bild, doch bei Grün ist die Wirkung am effektivsten – man nimmt bei 30 Grad im Sommer so etwas ähnliches wie Schneebilder auf. Blau wird recht schnell schwarz – Himmel und Wasser sind nach der Bearbeitung recht dunkel, dort muss man auch manuell nachjustieren. Gegen die Sonne sollte man nicht fotografieren, eben so lohnt IR Fotografie im Schatten nicht. Die Kontrastkurve muss selbst bei idealen Bedingungen korrigiert werden, bei grauen Wetter erzeugt man nur strukturlosen Brei.

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Was zu beachten ist – nicht jedes Objektiv kann mit Infrarotfiltern arbeiten. Es entstehen bei vielen Objektiven sogenannte Hotspots – hellblaue Flecken im Zentrum des Bildes, welche auch in der Nachbearbeitung nicht korrigierbar sind. Manche Objektive können offenblendig genutzt werden (was in der Landschaftsfotografie selten ratsam ist) oder schwach abgeblendet. Andere sind völlig ungeeignet – eine schöne Liste hierfür findet man hier. Bei Fujifilm sind die 3 f/1.4 Festbrennweiten die erste Wahl. Das 18-55 ist leider völlig ungeeignet. Mein XF 23mm f/1.4 kann ich bei allen Blenden nutzen ohne das der Hotspot auftaucht. Ehe man also über den Kauf eines IR Filters nachdenkt – bitte erst prüfen ob man ein kompatibles Objektiv besitzt! Beim IR Filter gilt – Finger weg von Billigware! Ihr werdet mit einem 20 oder 30 Euro IR Filter keine Freude haben. Der hier bereits mehrfach genannte Hoya R72 mit 720nm ist ein wirklich hervorragender Filter, der je nach Filtergröße zwischen 60 bis 100 Euro zu erwerben ist. Gerade in der Landschaftsfotografie würde ich gern mit diesem IR Filter am XF 10-24mm f/4 arbeiten, doch auch dieses Superweitwinkel ist super ungeeignet.
Die Einstellungen können in der Kamera ansonsten 1:1 genutzt werden wie bei regulären Fotos. Ich habe mit Stativ, ISO 200 und ISO400 (wenn die Spitzlichter zu stark wurden), 2 Sekunden Selbstauslöser und meist bei f5/6 fotografiert, weil das 23er hier die schärfste Abbildungsleistung besitzt. Knipst man nicht im RAW Format, kann man die Bilder direkt wieder löschen. Daher rate ich auch jedem ab, sich bei Ebay eine 60 Euro Hobbyfunzel zu kaufen, die auf IR umgebaut wurde. Wem nicht gerade diese Rottöne gefallen, kann mit diesen Fotos nichts anfangen.

002 See

Nachdem die RAWS auf die heimische Festplatte gewandert sind, was dann?
Man benötigt eine Software, welche Tonwertkorrektur und Kanalmixer sowie Werkzeuge zum Weißabgleich beherrscht. Gimp kann das im kostenlosen Sektor, ich nutze Photoshop CC. LIGHTROOM ist mangels Tonwertkorrektur nicht geeignet, Infrarot RAW Daten zu bearbeiten.
Abgesehen vom Finetuning und individuellen Anpassungen ist folgendes zu tun:
1. Öffnen der RAW File in Camera RAW
2. Ausrichten des Bildes, eventueller Zuschnitt
3. Werkzeug zum Weißabgleich aktivieren und eine Stelle im Bild antippen, die GRÜN ist (Blatt, Grass, Strauch, Salatgurke) –
4. Anpassen von Belichtung, Kontrast, Schärfe
5. Öffnen der Datei in Photoshop
6. Neue Einstellungsebene: Tonwertkorrektur – man kann hier „automatisch anklicken“ auswählen aber zuvor sollte man aber unter Optionen die Einstellungsalgorithmen prüfen – darüber sind deutlich feinere Abstufungen möglich, man kann Photoshop vorgeben, ob man eine nach hell/dunkel oder Farbkanälen optimierte Tonwertkorrektur möchte
7. Neue Einstellungsebene – Kanalmixer – Hier interessieren nur der blaue und der rote Farbkanal.
Ausgabekanal Rot: Rot von +100 auf 0 setzen und Blau von 0 auf +100 setzen
Ausgabekanal Blau: Rot von 0 auf +100 und Blau von +100 auf 0 setzen
8. Fertig
Natürlich ist das Bild nun noch nicht abschließend entwickelt doch der typische Infrarot Look ist nun sichtbar. Weitere Korrekturen liegen in den Bereichen Kontrast, Farbstich (oftmals sehr blau) und Lichtern/Schatten.

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Wenn der August um ist, darf man seinen IR Filter in aller Regel bereits in den Winterschlaf schicken, der dann bis etwa Mai des Folgejahres anhält.

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Ach ja – die anderen Bilder. Nachdem ich eigentlich nur IR Fotografie wollte, kam ich heute zufällig zu den Libellenbildern, denen ich nun seit etwa 8 Wochen hinterherlaufe. Ganz ohne Makro, einfach mit Tele und 2 Zwischenringen, diese Bilder möchte ich hier noch dazustellen weil sie einen herrlichen Kontrast zu den Infrarotbildern bilden, obwohl sie am selben Ort aufgenommen wurden:

 

Etwa 5cm große Libellen – ein Traum für Natur und Makrofans! Einmal mehr bewahrheitete sich – man braucht nicht nur Licht und eine ruhige Hand sondern auch Geduld und Glück! Insbesondere dieses roten Männchen (Blutrote Heidelibelle) zeigte sich enorm geduldig (oder gleichgültig) mir gegenüber.
#Daniel Vorkauf #Fujifilm #Tutorial #Dragonfly #Makro #Macro #X-T2

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