Der Crop Faktor und die Mythen

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Es vergeht ja kein Tag, an dem man nicht die irrsten Vergleiche, Auf – und Abwertungen von Sensoren und Kameras findet.
Daher ergänzend zu diesem und jenem Beitrag noch ein paar Erläuterungen, welche kein Teil einer „was ist besser oder schlechter“ Debatte sind. Viel mehr soll es einfach um physikalische Grundlagen gehen und Hilfestellungen, wenn man über einen Systemumstieg nachdenkt oder schwere Vollformat Objektive an kleineren APS-C Kameras verwenden möchte.
Nochmals zu Beginn: Das Vollformat ist einfach nur die digitale Übersetzung des analogen 35mm Kleinbildfilms – die physikalischen Daten bilden lediglich die Referenz zu allen anderen Formaten – kleinere Sensoren besitzen einen sogenannten Crop Faktor von 1,5x oder 1,6x oder 2.0x oder 2,7x oder 10.0x oder oder oder. Größere Sensoren als Kleinbild besitzen ebenfalls einen Crop Faktor, der dann natürlich kleiner ausfällt – 0,67x oder 0,70x.
Ehe wir einsteigen, eine grundsätzliche Sache. Was auf einem Objektiv drauf steht, ist auch drin. Ein Objektiv, das mit 16mm Brennweite, f/1.4 Anfangsblende und 67mm Filterdurchmesser angegeben ist, besitzt genau diese Daten. Völlig gleich, ob dieses Objektiv an einer Kamera mit 1 Zoll, MFT, APS-C oder Vollformatsensor genutzt wird. Nebenbei kann man jedes Objektiv, dass für Vollformatsensoren gebaut wurde, an APS-C Sensorkameras verwenden (mit dem gleichen Bajonett, versteht sich). Man kann rein auf APS-C konzipierte Objektive zwar an Vollformatkameras anschließen (mit dem gleichen Bajonett, versteht sich), doch der Bildkreis wird dann nicht komplett ausgeleuchtet und man erhält ein Foto mit rabenschwarzer Vignettierung, die nicht korrigierbar ist. Lässt sich der Sensor croppen (wie an der Sony A7 oder einigen Nikon DSLR), können APS-C Objektive am Vollformatsensor genutzt werden – der Bildkreis des Sensors wird verkleinert, die Auflösung wird meist drastisch reduziert, man hat nun eine Art APS-C Modus.
Der Crop Faktor bei kleineren Sensoren vergrößert den Bildausschnitt – anders gesagt, das Landschaftsbild mit 16mm Brennweite hat einen weiteren Blickwinkel als das Landschaftsbild mit 16mm an einem APS-C Sensor. Wenn im Falle Sony also ein 16mm Vollformat Objektiv an der A7 mit Kleinbildsensor genutzt wird und gleichzeitig ein 16mm Vollformatobjektiv an der Sony A6000 von exakt derselben Stelle aus, sind die Bildausschnitte nicht gleich. Das Foto der A6000 wir weniger zeigen als das Foto der A7. Fotografiert hat man beide Male mit 16mm Brennweite. Der Crop Faktor um 1,5 an der A6000 sagt uns, dass wir einen Bildausschnitt  erhalten, der in etwa ausschaut, als hätte man an der A7 mit einem 24mm Objektiv fotografiert. (16mm x 1,5 = 24mm Brennweite). Dennoch werden die Exifs zu Recht auch an der APS-C Kamera von 16mm Brennweite berichten.
Weitaus dramatischer wird es, wenn Brennweitenverschiebungen den Bildwinkel stark ändern. Ganz klassisch ist hier die 35mm Brennweite. 35mm ist das klassische Weitwinkel aus analoger Zeit. 35mm sind an digitalen Vollformatkameras nach wie vor Weitwinkelobjektive – ungeeignet für Portraits, in aller Regel auch für Reportage und Dokumentationen. 35mm ist immer noch deutlich weiter als zum Beispiel der Blickwinkel des menschlichen Auges (etwa 40mm – 45mm Brennweite) und dementsprechend verzerrt es noch sichtbar – was gerade im Portraitbereich wenig schmeichelhaft für die abgelichtete Person ist. Nimmt man nun zum Beispiel das Fujinon XF 35mm f/1.4, hat man zwar ein Weitwinkelobjektiv an der Kamera, aber aufgrund des Crop Faktors einen Bildausschnitt, der grob 52mm Brennweite am Kleinbildsensor entspricht. Zwar korrigieren die meisten Kameras zumindest bei jpegs diese physikalisch bedingten Bildfehler, dennoch ist der Bildlook  anders als wenn man mit 52mm am Kleinbildsensor arbeitet. Daher sind 35mm Objektive nur bedingt für die Portraitfotografie am Halbformatsensor geeignet. Ich persönlich setze es ganz klassisch auch an den X Kameras als Landschaftsobjektiv ein oder in Kombination mit Zwischenringen für Nahaufnahmen.
Ganz kritisch wird es unter den Nerds, wenn Peterle der Vollformatfetischist mit seiner A7RII und A7III emsig die Nachteile verschiedener APS-C Systeme aufführt und dabei Berechnungen anstellt, dass die nicht vorhandenen Spiegel an Systemkameras nicht aufhören wollen auf und ab zu schlagen bis das Glas bricht: Karlchen, der Fuji X Jünger (einst ein Kleinbildanalogist) verteidigt fleißig die Vorzüge des X Systems und mehr noch das XF200m f/2 – das ist zwar noch nicht erhältlich und für ihn auch nicht erschwinglich ist, aber diskutieren kann man ja mit Peterle. Peterle behauptet, dass der Autofokus bei APS-C Sensoren im Schwachlicht nicht mit dem Autofokus einer Vollformatkamera mithalten kann und Fokusnachführung hätte nichts mit der Anzahl der Sensoren zu tun sondern einzig mit der Größe des Bildchips. Den Höhepunkt seines fundierten Fachwissens findet man letztendlich in der Aussage, dass ein APS-C 200mm f/2 auf Kleinbild umgerechnet ein 300mm Objektiv mit f/3 sei:
Also gut. Lösen wir mal die Knoten in solchen Diskussionen und vor allem in den Köpfen. Zuerst und für Immer: Die Brennweite, die auf dem Objektiv steht, ist der Nennwert. 200mm sind 200mm. Der Crop Faktor ändert den Bildausschnitt. Er ändert nicht die Brennweite. Ein 200mm Objektiv, dass sich an einem Smartphone adaptieren ließe, würde zu einem Bildausschnitt führen, der grob einem 2000mm Objektiv an einem Vollformatsensor entsprechen würde. Ein 200mm Objektiv, dass an ein Mittelformatsystem passen würde, entspräche grob einem Bildausschnitt, als wenn man an der Vollformatkamera ein 135mm Objektiv genutzt hätte. Aber man hat immer ein 200mm Objektiv an der Kamera. Ergo – die Sensorgröße verändert den Bildausschnitt, niemals aber die Brennweite. Je kleiner der Sensor, desto größer der Bildausschnitt, je größer der Sensor, desto kleiner der Bildausschnitt. Kleinbild im Vollformat ist immer nur die Referenz, anhand derer sich die Bildwirkung anderer Sensoren berechnen lässt. Darum bauen Hersteller auch 10-24mm, oder 12mm oder 14mm APS-C Objektive – die ausgehend vom Crop Faktor 1,5  (der Sensor ist also 1,5fach kleiner als der 36x24mm Sensor) den Superweitwinkelbereich  des Kleinbildsensors „ersetzen“. Das Fujinon XF 10 – 24mm hat echte 10-24mm Brennweite, lediglich der Bildausschnitt liegt umgerechnet auf Kleinbild im Vollformat bei 15-36mm.
Und die Blende?
Peterle rechnet da unsägliche Grütze. Weshalb sollte der Crop Faktor des Sensors die Physik des Objektivs aushebeln? Die Blende eines Objektivs ist genau so echt wie sie angegeben ist. f/2 oder f/1.4 oder f/4 sind tatsächliche Blenden, selbst wenn der Sensor nur 2x3mm klein wäre, ist die Blendenzahl oder Angabe tatsächlich und nicht zu croppen. Ein Objektiv mit 9 Blendenlamellen hat ja auch nicht plötzlich 13,5 Lamellen, nur weil es den Umrechnungsfaktor zum Kleinbild gibt.  Was Peterle vermutlich meinte, ist die Bildwirkung – die Blende hat einen wesentlichen Einfluss auf die Schärfentiefe. Wie bereits geschrieben, je kleiner ein Sensor ist, desto schwieriger wird es, Bereiche im Bild unscharf erscheinen zu lassen – gerade bei Portraits oder allen fotografischen Sparten, wo eine starke Freistellung vom Motiv zum Hintergrund (oder Vordergrund) erwünscht ist, spielt die Sensorgröße eine wirklich wichtige Rolle. Und somit gilt auch hier – man fotografiert mit einer echten f/2 Blende, die Bildwirkung/Freistellung entspricht äquivalent Kleinbild einer Aufnahme mit f/2.8 oder f/3.2. Das ist reine Physik – die Behauptung aber man würde im Vergleich zum Vollformat mit weniger Lichtdurchlass fotografieren, ist schlichtweg falsch. Um bei gleicher Brennweite die gleiche Freistellung zu erreichen, müsste man die Lichtdurchlässigkeit immer weiter erhöhen je kleiner der Sensor wird.
Natürlich gibt es da technische oder gar physikalische Grenzen – meines Wissens ist f/0.7 das derzeit Mächtigste, was Ingenieurskunst möglich gemacht hat. Was nach unten gilt, gilt also umgekehrt auch nach oben – die Bildwirkung von f/1.2 ist  von Sensor zu Sensor unterschiedlich – je größer der Sensor, desto geringer die Schärfentiefe. Nicht ohne Grund sind Mittelformatkameras hervorragende Werkzeuge in der Portrait – und Modelfotografie. Natürlich muss auch immer die Brennweite berücksichtigt werden – je größer die Brennweite, desto geringer die Schärfentiefe – ebenfalls in Kombination mit der Distanz zum Motiv bzw. hinsichtlich der hyperfokalen Distanz. Nicht ohne Grund sind Brennweiten wie 85mm, 135mm oder auch 200mm erste Wahl in der Portraitfotografie. Sie ermöglichen unterschiedliche Bildausschnitte mit bestimmten Freistellungsmerkmalen, die Blende von f/2 wirkt bei 135mm anders als bei 200mm Brennweite. Aus demselben Grund sind 85mm Portraitobjektive mit f/1.2, f/1.4 oder f/1.8 sehr lichtstark, weil mit f/4 bereits nicht mehr die erforderliche Freistellung erlauben (immer auch in Relation zum Fokussierabstand natürlich).
Also nicht von Albernheiten und hanebüchenem Halbwissen abschrecken lassen – Objektivdaten sind echt, sowohl Brennweite wie auch Blende. Die Lichtstärke hat bekanntlich nicht nur Einfluss auf die Schärfentiefe sondern auch auf die Belichtungszeit. Stellt eine Sony A6000 mit 55mm f/1.8 und eine Sony A7 mit 55mm f/1.8 jeweils auf ein Stativ und belichtet mit gleichen Einstellungen die gleiche Szene – beide Kameras werden dieselbe Belichtungszeit auswählen. Der Bildausschnitt wird nicht gleich sein, auch die Schärfentiefe ist marginal unterschiedlich. Fotografiert habt ihr dennoch mit 55mm Brennweite und mit f/1.8 – das ist physikalische Gewissheit.
#Daniel Vorkauf #Fujifilm #Sensor #Blende

 

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