HexHex9

Irgendwie verbindet man mit Italien ja irgendeine Mixtur aus Küstenromantik, Cinque Terre, Toscana und bestenfalls aus den Dolomiten. Und wenn das alles mehr oder minder von geringem Interesse ist, braucht man also einen guten Freund, der beschloss in entlegene Gefilde auszuwandern. Und weil ich besagten Freund gut genug kenne, waren die Zweifel gen Süden zu fahren auch weit weniger ausgeprägt, schließlich kennt man sich seit bald 20 Jahren und vertraut auf recht ähnliche Ansichten bezüglich genehmer Orte und Landschaften.
So ging es via Eurocity in 13 Stunden von Frankfurt nach Mailand und von dort über Genua nach Taggia-Arma um von da abgeholt zu werden und von da nochmals 35 Minuten in die ligurischen Alpen zu fahren. Angekommen im Örtchen Triora befand ich mich nun auf knapp 800 Metern über dem Merrespiegel. Für geografisch Interessierte – Triora ist ein Ort mit 360 Einwohnern und gehört zur Provinz Imperia. San Remo ist dem einen oder anderen vielleicht eher ein Begriff – eine bekanntes Hafenstädtchen direkt am Mittelmeer. Während die Küstenorte gefühlt ganz schön pathetischen Flair haben und im Sommer vermutlich argen Übertourismus erleben, ist man 35 Minuten später schon ordentlich ab vom Schuss. Triora blickt auf eine über 700 Jahre lange Geschichte zurück und ist historisch und kulturell ein echter Abweichler (wie ganz Ligurien) innerhalb Italiens. Das Städtchen ist faktisch in den Berg gehauen und gebaut – man fühlt sich zwischen den Mauern und Gassen tatsächlich Jahrhunderte zurückgeworfen. Bilder dazu folgen später.
Weniger positiv war eine schwere Erkältung mit der ich mich nach Italien schleppte und die sich auch konsequent knapp 5 Tage omnipresent zeigte. Bergtouren waren ein Fall für sich, zu mal ich mir morgens erst einmal mit 600er Ibuprofen den Kopf auf Halbkoma setzte um dann jeden Höhenmeter im Krebsgang zu absolvieren. Die Tabletten ließ ich dann sein und vertraute auf das Bergklima in 1800 Metern + Höhe. Das war weitaus weniger heiß als auf 800 Metern Höhe – auch wenn Wind und teilweise starker Regen auch nicht sonderlich gesundheitsfördernd waren. Anyway, zum Ende der Woche zeigte sich Linderung oder ein erfolgreiches Verschleppen des Ganzen und mit weitaus weniger Anstrengung ging es hinaus in die Wildnis.
So nahm ich also viele Dinge nicht im vollen Bewusstsein wahr und hatte gerade an den ersten Tagen weitaus mehr mit mir selbst zu kämpfen als das zu genießen, was zu sehen war. Dieser Teil der ligurischen Alpen ist vergleichsweise wenig erschlossen (abgesehen von Berghöfen und teilkultivierten Gebieten natürlich) – dennoch gibt es unzählige Wanderwege mit verschiedensten Anforderungsprofilen, viele starten sie direkt von Triora aus. Die Bergwelten drumherum erheben sich bis etwa 2000 Metern höhe, will man weiter hinauf, muss man wenige Kilometer fahren, allerdings sind Straßen und Pisten sympathischerweise mit beträchtlichem Zeitaufwand verbunden. Wunderschön sind die kleineren Ortschaften, die sich verteilt im und über dem Tal erheben – allesamt mit antikem Charakter und das iTüpfelchen in der Landschaft. Wie auch in Triora sind die Straßen und Gassen so eng, dass keine PKWS dort fahren können. Wer KFZ befreite Orte mag, wird dort fündig und genießt automatisch die Stille und benzin-/dieselfreie Luft.
Nun wird dem einen oder anderen Leser auffallen, dass sich in diesem Beitrag keine Bilder finden, die das dokumentieren, was Bergwelt und Triora und spätsommerliches Wetter ausmacht – keine Sorge – das folgt natürlich. Höhepunkt war für mich eine Wanderung durch einen Nebelwald in etwa 1700 Metern Höhe – ich hatte das Glück, dass die Witterung in dem Tal an einem Nachmittag umschlug und Wolken alle naheliegenden Berge verhüllten. Von draussen sieht man dann fast nichts mehr, doch läuft man drinnen, bekommt die Natur einen unearthly Touch und zieht Individuen wie mich magisch an. 3 Stunden in trüber, nahezu tageslichtfreier Gegend – die ohnehin enorme Anzahl an verschiedenen Bäumen, Sträuchern, Pflanzen und Vegetation allgemein zeigt sich von ihrer Schattenseite (im positiven Sinn). Die Wälder unterliegen keinen menschlichen Eingriffen, man bewegt sich abgesehen vom Wanderweg also tatsächlich noch in naturbelassenen Weiten. Automatisch denkt man an den Zauber der Hexe von Blair und wen wundert es – der Hexenkult ist in diesem Raum mehr als nur mythologische Sagenwelt – allein die Kräutervielfalt weist Wege Parallelwelten und Realitäten – wer es denn kann. Ich tu es. 🙂
Es waren schöne Tage, die auch nach unbedingter Rückkehr verlangen, sinnigerweise ohne Erkältung. Triora selbst braucht Wochen, um erkundet und mit all seiner Geschichte, Baukunst und Kultur erschlossen zu werden. Die Bergwelten drumherum – näher und ferner – sind für Kurzwanderer, Weitwanderer und auch Bergsteiger ein Eldorado, das bestenfalls im Sommer höhere Besucherzahlen kennt – aber selbst dann nicht ansatzweise vergleichbar mit all den Hotspots in den bayrischen Alpen, Südtirol und in den Dolomiten. Man findet keine „single Superlative“ – das Ganze ist ein Superlativ, denn abgesehen von der nahezu allgegenwärtigen Stille flattern in der Nacht nicht nur Fledermäuse über den eigenen Kopf hinweg, man kann auf der Terrasse nachts Eulen und anderen Wildtieren lauschen und Wolken, Nebelschleiern zuschauen – Motto Entschleunigung bei Tag und Nacht. Mehr Flair und Atmosphäre findet man kaum.
Um natürlich den fotografischen Aspekt nicht außer Acht zu lassen – Travel Light war die Devise und so bestand meine Ausrüstung aus der X-T2 mit dem XF 23mm f/1.4 und XF 35mm f/2 sowie 8 Akkus und einem Rollei Reisestativ. Fotografiert habe ich letztendlich zu 95% mit dem 23er, weil es in der Bergwelt einfach des beste Kompromiss ist – der Blickwinkel ist ideal für nähere und ferne Motive in der Landschaftsfotografie. Alle Waldbilder wurden mit dem Objektiv gemacht – meist zwischen f/1.8 und f/2.8 bei ISO 800 bis ISO 3200 da ich kein Stativ mitnahm – dies hätte den Aufenthalt vermutlich bis in die Nacht verlängert).
Demnächst wird es dann Bilder von Triora und den Bergwanderungen geben – der Kontrast zu diesen Aufnahmen ist gewaltig, zeigt aber auch, wieviel möglich ist wenn man sich nur bewegt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Zum Abschluss hier mein persönliches Lieblingsbild – im Nebel zeigen sich bekanntlich manche schemenhaften Gestalten und Gesichter – doch am Wegrand war eine Erscheinung, die durchaus physikalisch greifbaren Charakter hatte – Realität ist, was man daraus macht. 😉
Hex Hex HexHex1
#daniel vorkauf #sombresociety #ligurien #italien #fujifilm #sombrescapes #travel #reisebericht #fotografie #outdoor

4 Replies to “Zurück aus Ligurien”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: