GANZ OBJEKTIV -Technik vs Können

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Fotografische Weisheiten gibt es wie Sand am Meer, manche Seite hat ganze Rubriken in Form von Zitatsammlungen, was denn nun das Wesen (guter) Fotografie sei. Die Einen behaupten, dass die ersten 10000 Fotos Müll sind, die anderen, dass sie ihr bestes Bild immer erst morgen oder übermorgen tätigen werden. Andere philosophieren über die Magie des Augenblicks, andere wiederum über die perfekte Bildgestaltung, noch andere halten die Fotografie für noch abtrünniger als die Malerei und für ganz andere reduziert sich die Fotografie auf das Licht, ohne das bekanntlich nichts geht.
Abseits der grundsätzlichen Fragen, was denn gute Fotografie sei, tummeln sich die Nerds, Influenzer und selbsterklärten Spezialisten – die Einen schwören auf die menschenmöglich beste Technik für die besten Resultate, die Anderen behaupten, dass der (rhythmisch alliterierend) Koch kochen können muss und die Qualität der Töpfe und Löffel keine Rolle spielt.
Zwischen all den Denkansätzen und manchmal auch darüber, darunter oder jenseits davon findet wohl eine gewisse Art von Wahrheit statt. Denn ja, Kreativität ist nicht in einem Kamerabody oder einem Objektiv verborgen. Und ja, gewisse kreative Prozesse bedürfen technischen Equipments, um überhaupt erst kreativ werden zu können. Und mehr ja noch, ohne die Grundsätze und das kleine 1×1 der Fotografie funktioniert es meistens nicht. Soll heißen, Blende und Verschlusszeit wie auch der bewusste Einsatz der digitalen Filmempfindlichkeit (ISO) oder der analogen (ASA) gehören dazu. Auch Begriffe wie Nahstellgrenze, hypofokale Distanz oder Schärfentiefe (auch Tiefenschärfe ist legitim) gehören in den Wissenskosmos eines Fotografen.

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Bildaufbau, Komposition und die Nutzung von vorhandenem Licht gehören bereits in den kreativen Bereich der Fotografie. Denn nichts hat einen so bedeutsamen Einfluss auf das Bildergebnis wie die vorhandenen (oder künstlich erzeugten) Lichtbedingungen. Viele kennen Begriffe wie „Goldene Stunde“ oder „Blaue Stunde“ oder „2/3 Regel) und diese wurden auch nicht willkürlich ins Leben gerufen sondern sind Ergebnis objektiver Erfahrungen.

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Ich möchte ja ungern auf den Werbesprüchen aller Kamera – und Objektivbauer herumhacken, aber: Es gab sie nie und wird sie nie geben – die perfekte Kamera. Es ist selbsterklärend, dass kein Werbetreibender sein eigenes Produkt kritisiert, dabei fände ich es wirklich nicht schlimm, wenn jemand zu seinem System schreibt, dass es z. B. nicht für Fotografie und Videografie gleichzeitig optimiert ist – ein solches Gerät gibt es auch nicht aber der Mehrheit von Kameranutzern fällt das gar nicht auf, weil sie das eine wie das andere nicht derartig intensiv nutzen. Ich fände eine moderne Kamera ohne alle Videofunktionen durchaus interessant, ich habe mit noch keiner DSLR oder DSLM auch nur 5 Sekunden gefilmt. Wer sich etwas tiefer mit technischen Details von Fotoapparaten beschäftigt, erkennt natürlich schon anhand der Beschreibung, welchen Schwerpunkt ein System hat – gerade bei Panasonic gibt es bei den Fourthird Modellen der Spitzenklasse eine augenscheinliche Trennung zwischen Geräten, die für Videoleistungen optimiert sind und jene, wo die Fotografie Vorrang hat. Und weil ich bereits bei den Sensoren angekommen bin – ein Fourthird Sensor der jetzigen Generation ermöglicht bei guten Lichtbedingungen zweifelsohne sehr gute Bildergebnisse, welche im Endergebnis kaum Abweichtungen zu größeren Sensoren sichtbar machen. Was ein Fourthirdsensor aber nicht kann – und das ist physikalische Gewissheit – im höheren ISO Bereich wird Bildrauschen unübersehbar dominieren und niemals kein ein Fourthirdsensor die Schärfentiefe bzw. das Freistellungspotential von größeren Sensoren erreichen. Ein Fourthird Sensor ist für mich und meine Fotografie bestenfalls für Landschaften und meinetwegen Wildlife geeignet – hohe Schärfentiefe (welche sich aus Sensorgröße und Crop Faktor ergibt) und interessante Teleaufnahmen: Ein 70-200mm Objektiv erzielt Dank des Crop Faktors einen Bildausschnitt, der umgerechnet auf Kleinbild einem 140 – 400mm Objektiv entspricht. Da der Crop Faktor allerdings auch in die Wirkung der Schärfentiefe eingreift, ist die Bildwirkung eines 50mm f/1.2 Objektivs umgerechnet auf Kleinbild dann ein 100mm Objektiv mit der Schärfentiefewirkung von f/2.4 und das ist extrem viel, eigentlich viel zuviel. Ein Nikon oder Sony APS-C Sensor erreichen hier mit dem Crop Faktor von 1,5 bereits andere, bessere Ergebnisse. Will man also in der Portraitfotografie oder allgemein in der Fotografie mit viel Freistellungspotential unterwegs sein, ist ein Fourthird Sensor eher ungeeignet – völlig gleich, welches Objetiv man an die Kamera schraubt.
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Das bedeutet also, dass man im Vorfeld wissen muss, welche Art von Kamera mir bei meinen Ideen zu den idealen Ergebnissen verhilft. Heutzutage sind moderne APS-C Kameras, sogenannte Halbformate – der ideale Zwischenweg für den Großteil der Fotoenthusiasten. Das Vollformat spielt seine Stärken nur dann aus, wenn die Kamera selbst und vor allem die entsprechenden Objektive von höchster Qualität sind. Die Vorteile des Bildrauschens sind relativ, wie in früheren Beiträgen bereits erwähnt, spielt die Sensorauflösung eine entscheidende Rolle – 50 MP überfordern auch den Vollformatsensor bei Lowlight oder falscher Belichtung. 24MP am APS-C und Kleinbildsensor bringen zweiterem zweifelsohne Vorteile im höheren ISO Bereich. Ausgenommen davon ist an dieser Stelle der Fuji X Trans-Sensor seit der ersten Generation, allerdings möchte ich auch diese Technik nicht heilig sprechen, Vorteile hier und Nachteile da – so ungefähr kann man das für jedes System vorhersagen. Allerdings gibt es unzählige Leute, die vom Vollformat zu Fuji gewechselt sind – das halbe Packgewicht bei gleicher Bildqualität ist ein Argument – auch wenn gerade die erste X Trans Generation in Sachen Autofokus noch Welten hinter selbst mittelmäßgen DSLRs  stand – natürlich ist die AF Geschwindigkeit auch immer eine persönliche Sache – mancher nutzt anloges Altglas, dem sind AF Geschwidigkeiten egal, andere filmen nicht und nehmen keine bewegten Bilder auf – auch da ist die Schnelligkeit des AF relativ. Und wer im Mittelformat unterwegs ist, der lernt spätestens dann die Muse des langsamen Fokusierens kennen, denn kein Mittelformatseystem kann schnell geschweige verfolgen.
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Es bleiben also nur zwei Optionen – man kauft sich verschiedene Systeme um technisch flexibel zu bleiben oder aber man geht den Weg des Kompromisses. Wovon ich immer abrate, ist der Kauf einer Kamera mit Objektivwechselsystem und einem Objektiv, das dann 18-200mm oder 24-240mm oder wie auch immer lautet. Diese als sogenannte Reiseobjektive getarnten Becher sind kein Kompromiss sondern garantieren massiven Qualitätsabfall. Wer sich eine höherwertige Kamera kauft, sollte auch bereit sein, Geld für mindestens 2 verschiedene Objektive in die Hand zu nehmen. Je größer der Zoombereich, desto schlechter wird die Abbildungsleistung am oberen oder unteren Brennweitenende. Das gilt für Bridgekameras insbesondere (selbst jene mit 1 Zoll Sensor) aber eben auch für DSLRs und DSLMs. Und obendrein ist die Festbrennweite dem Zoomobjektiv eigentlich immer überlegen – meist deutlich lichtstärker und mit den geringsten Abbildungsfehlern, weil weit weniger Linsengruppen bewegt werden müssen. Das dies am Ende auch immer heißt, mehr Gewicht, mehr Equipment mitzuschleifen, erklärt sich von selbst – wenn der Koch 6 verschiedene Menüs anbietet, tut er auch gut daran, alles für alle Menüs im der Küche zu haben.

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Wenn man also überlegt, welche Kamera denn die richtige ist, so lautet die Antwort nicht: „die Teuerste“ oder „Die mit dem größten Sensor“ oder „die am meisten Beworbene“ sondern man sollte wissen, welchen Motven man zumindest den größten Raum geben möchte. Wichtig sind alle möglichen manuellen Einstellungsmöglichkeiten – Vollautomatik ist das Ende jeder Kreativität – und lichtstarke Objektive. Völlig gleich ob Zoom oder Festbrennweite, je lichtstärker, desto größere ist der kreative Spielraum. Lichtstark bedeutet, f/2.8 sollte die Obergrenze sein – alle größeren Blenden von f/2 bis f/1.2 erlauben weitaus mehr. Lichtstarke Objektive verhalten sich übrigens auch sehr individuell, nicht jedes Objektiv mit f/1.4 oder offener bringt beim Einsatz der Maximalblende wirklich brauchbare Ergebnisse. Allerdings muss man sich auch immer fragen – wo sind Abbildungsfehler wirkliche Makel und wo sind es eigentlich Eigenheiten, die dem Foto erst den speziellen Touch verleihen – ein Helios 58mm f/2, Lensbaby 56mm f/2.4 oder Kamlan 50mm f/1.1 sind offenblendig extrem weich – das mag nicht jeder, ich finde diesen samtigen und verträumten Look durchaus ansprechend – und er ist so in keiner Bildbearbeitungssoftware reproduzierbar. Technisch betrachtet sind alle 3 Beispiele keine Meilensteine aber dafür wird ein eigener Bildlook kreiert, der heutzutage allzuoft unauffindbar ist, weil die technische Perfektion leider alles dominiert.

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Übrigens sind hier alle Bilder mit Ausnahme des Hjálparfoss Fotos mit dem Fujinon XF 23mm f/1.4 an der Fujifilm X-T2 enstanden. Für mich bleibt dieses Objektiv trotz 35mm Brennweite (umgerechnet auf Kleinbild) der perfekte Immerdrauf und Schnappschuss Objektiv. Offenblendig in Kombination mit den Fujifilm Zwischenringen ist es übrigens für Close Ups erstklassig und mein Kreativobjetiv Nummer eins.
Einen guten Rutsch in den Frühling wünschend …
D.

 

#Fujifilm #Daniel Vorkauf #Fotografie #Objektive #Island

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