Zwei mal Falsch ergibt nicht richtig

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Eines ist völlig klar, wenn man seine Kreativität der Außenwelt mitteilt, errwartet man sich Reaktionen. Und nur eine Minderheit erhofft sich ein Maximum an negativer Kritik bis hin zu totalen Zerrissen. Und es gibt viele, die kritisieren, obwohl sie es selber nicht besser können und es gibt noch mehr, die werten selbst die sachlichste Kritik als persönlichen Angriff. Aber hier soll es nun weniger um die Sensibilität irgendwelcher Zeitgenossen gehen sondern um die Irrttümer in der Fotografie. Besser einen Irrtum, nämlich die Frage, was ein gutes Foto ist oder wann ein Foto ein gutes Foto ist.
Und weil manche Dinge aus kindlich naiver Sicht einfacher zu verdeutlichen sind, hier ein paar exemplarische Fallbeispiele:
Im Restaurant der Wahl hat ein Essen hervorragend gemundet – Interessieren nach dem Essen die Zutaten, Mischverhältnisse und Kochmethoden oder fragt man, in welchemTopf gekocht und mit welchem Messer geschnitten wurde?
Bei einem guten Song versinkt man in den Klängen oder versucht man herauszufinden, welche Gitarre oder welches Schlagzeug genutzt wurden?
Wenn man ein Buch liest, fragt man sich beim Gefallen des textlichen Inhalts, auf welchem Papier es gedruckt und welche Tinte wohl verwendet wurde?
Jedem wird einleuchten, dass das verwendete Kochgeschirr bei einem guten Essen genau so egal ist wie die Gitarre auf der eine Melodie gezupft wurde wie auch die Tinte, welche den Buchstaben eines poetischen Romans Form und Farbe gibt.

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Sondererbarerweise scheinen für nicht wenige Zeitgenossen in der Fotografie andere Regeln zu gelten die ein gutes Foto ausmachen. Auf einschlägigen Communities wimmelt es vor Bildbeschreibungen, welche gar keinen Bezug auf das Bild nehmen sondern einzig auf das verwendete Equipment eingehen. Etwa so also würde der Koch nur wegen des Einsatzes eines bestimmten Topfes kochen, der Schriftsteller nur wegen eines besonderen Papiers Geschichten niederschreiben und der Musiker nur wegen dem Spiel auf einer bestimmten Gitarre Songs kreieren. Das kann man freilich alles tun, doch die kreative Idee verliert dabei so weit an Bedeutung, dass am Schluss in aller Regel nur Mist herauskommt. Ganz anders gesagt, Fotos, deren Schwerpunkt auf den technischen Mitteln liegt, sind unnütz, identitäts – charakterlos und austauschbar. Ganz klar, die Werbestrategien der Kamerabauer sind aufgegangen und haben sich in mancher Leute Köpfe festgeklammert. Völlig gleich ob Sensorgrößenideologie, Rauschverhaltensstudien oder Brennweitenfetischismen – es gibt die abenteuerlichsten Motivationsschübe für belanglose Fotografien, versteckt hinter Begriffen und Lobeshymnen auf besagte Technik und Ausrüstung. Dabei waren sich doch alle einig und das bereits zu Analogzeiten – noch nie hat eine gute oder teure Kamera je ein tolles oder wertvolles Foto geschossen – ausschlaggebend war ist und wird immer der Fotograf sein. Die Essenz des guten Fotos ist so weit weg vom verwendeten Equipment wie die Galaxie GN-z11 von der Erde. Und ich rede hier nicht von der Liebe oder Bindung zu bestimmten Kameraherstellern, sondern einzig vom Foto, das gut ist. Denn das kann in der Tat jedes Foto – vom 4 MP Handyschnappschuss bis zur 100 MP High Resolution Mittelformatwaffe – entscheidend ist nicht womit man knipst sondern was, wie und wann geknipst wird. Der richtige Moment ist in der Fotografie nehezu so wichtig wie das Licht, das man zur Verfügung hat. Vignettierung, Randschärfe, Beugung, Grümmung, chromatische Aberrationen usw. sind bestenfalls Informationen, die man zu berücksichtigen hat. Aber in der Fotografie sind Makel oftmals sogar erwünschte Effekte, die man kreativ einbringen kann – Schärfeabfall, Bokeh, Vignettierung oder Körnung sind viel öfter Teil der Kreativität als Kennziffern für schlechte Fotos. Wer Unschärfe nicht nutzt, um den Betrachter zu führen (dito Führungslinien), der versteht vom kompositorischen Herangehen nichts, völlig gleich wieviel Liniepaare ein Objektiv + Sensor auflösen können. Wer seine Bilder möglichst nur mit ISO 50 oder ISO 64 macht aus Angst vor vermeintlichem Rauschen, der versteht weder etwas von Rauschverhalten noch hat er oder sie wirklich das Bild im Kopf. Sicherlich, Geschmäcker sind verschieden, aber oftmals sind technisch makellose Bilder als Gesamtheit ein einziger Makel, weil in dem Bild nichts steckt außer mathematisch – algorithmisch glattgebügelte Graustufen. Das soll auch nicht heißen, dass Bilder nur dann gut sind, wenn sie technische Mängel aufweisen – keinesfalls – doch die Gewichtung sollte immer der Inhalt des Bildes sein, nicht die Werkzeuge, die das Bild aufgezeichnet haben. Der kreative Part, die „Vision“ und das „Making of“ stecken im Fotografen, niemals in der Ausrüstung.

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Wer das nicht glaubt, sollte sich behutsam mit Bildern beschäftigen, die auf den ersten Blick nicht makellos sind, aber dennoch in den Bann ziehen – sei es der Zauber eines bestimmten Moments, sei es ein bestimmter Look, eine bestimmte Tönung, sei es eine unglaubliche Perspektive oder oder oder – es gibt unzählige Gründe für Bilder, die zum Verweilen, Einfühlen und Geschichten entdecken einladen. Wer ein Foto anschaut und denkt „Wow, diese Kamera kaufe ich mir auch“, der hat aus dem Bild nichts mitgenommen und sich bestenfalls von bestimmten Reizen (Sonnenuntergang, Milchstraße, Brustumfang usw.) leiten lassen.
In diesem Sinne, weiterhin viel Kreativität und weniger Equipmenthype.
#Daniel Vorkauf #Fotografie #Foto

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